Messias Vol. II
Kapitel 1 online lesen


Robert Aspirin™-Keeler lauscht den mahnenden Worten des hohen Geistlichen Bischof Gebruederlich in seiner Werbepausen-Predigt, ehe er von seinem werbevernarrten Freund Ned Magnetech-Wilson unerwartet Besuch bekommt. Der hält für Roberts allgemeinen Lebensfrust einen Geheimtipp parat: Den religiösen Shooting-Star Gilliam Carfield… Viel Spaß beim Lesen!

I

„Wir leben in einer Zeit der Verunsicherung. ‚Was sind schon innere Werte?’, fragen wir uns, wo sie der gleichen Kurve zu unterliegen scheinen wie ein Aktienkurs an der Börse. Inflation, Deflation, Stagnation – Begriffe, die einst die materielle Kaufkraft ausdrücken sollten; sie besaßen eine solche Schwere, dass sie uns vom Hirn ins Herz rutschten. Der Geist überschattet die Materie nicht mehr; bestenfalls streitet er sich um das gleiche Licht. Alles ist eingeebnet, geglättet, ebenbürtig – und schon höre ich die Leute fragen: Lohnt es sich, diesen Menschen zu lieben? Rentiert es sich, Wärme zu investieren? Zahlt es sich aus? Ist er wertvoll genug? Und ich sehe die Menschen, wie sie sich unsicher an die große Börsentafel wenden und fragen: Ist Liebe im Wachstum begriffen? Oder befindet sie sich gar in einer Depression? Ich sehe, wie sie panisch ihre Aktien abstoßen, wenn das Gute keinen Gewinn verzeichnet und ich spüre die Kälte, die daraufhin die großen Hallen umgibt. Mitleid, Barmherzigkeit, Charakterstärke, Aufrichtigkeit, Fairness, Toleranz – Werte, die verhandelbar sind. Im Aktienindex gleich neben Suni und Mykesoft nachzuschlagen. Mitleid: 3 Punkte gesunken, fern halten. Toleranz ist groß im Kommen, Insidertipp! Kaufen, kaufen, kaufen! Aber den Absprungpunkt nicht verpassen. Wen scheren schon die paar Verbrannten, die da zu Geächteten wurden? Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Doch Achtung: Dir geht es genauso schnell an den Kragen! Kaufe Charakterstärke lieber ein, solange sie noch günstig ist, doch werfe sie ab, bevor ihr Kurs unter dem Einkaufspreis liegt. Sonst bist auch du raus aus dem Spiel. Oh ja. So sieht das Leben von vielen aus. Und ich frage euch: Ist das der Weg, den wir gehen wollen? Ist persönliches Glück mit den Werkzeugen der Habhaftigkeit zu messen? Dürfen wir wirtschaftliche Erwägungen in Betracht ziehen, wenn unsere Gefühle handeln sollen? Ist Liebe nicht mehr als eine schwankende Zahl? Sollten unsere geistigen Werte nicht eher der Fels in der Brandung sein, gegen den die Gischt des Wandels so viel peitschen kann sie will? Woher die Sicherheit nehmen, wenn ihr die Quelle fehlt? Wie könnten wir nicht in einer Zeit der Verunsicherung leben! In einer Zeit, wo Kapitalanlagen Tempel sind und Relativität das einzig Absolute, bedarf es da nicht mehr denn je einer Kraft, die außerhalb steht? Oberhalb? Eine ursprüngliche, eine schöpfende, eine aus sich selbst heraus bestehende Kraft, die niemals mit dem Verstande, sondern nur mit dem Geiste zu erfassen wäre, weil sie so unglaublich groß und machtvoll ist? Eine Kraft, der nur der pure Glaube gewachsen ist, deren Tempel ohne Geldanleihen besteht und deren Unabänderlichkeit ohne Formeln aus Masse und Geschwindigkeit? Eine Kraft, die Trost spendet und Stärke gibt, weil sie so unmessbar gütig und wohlwollend ist? Eine solche Kraft gibt es. Diese Kraft – ist Gott. Und er hilft uns in dieser Zeit mehr denn je zu erkennen, was wirklich von Dauer ist, sind wir nur bereit, seinen Worten Gehör zu schenken. Wir finden leicht zu ihm, wenn die Entscheidung erst einmal getroffen ist: Wir müssen nur still sein – und unserem Herzen lauschen. Und haben wir ihn schließlich gefunden, dürfen wir eines nie vergessen: Gott trinkt Meta-Cola.“
Das strahlende Weiß seiner Zähne, die sich in einem professionellen Lächeln unter den wulstigen Lippen hervor kämpften, wurde in seiner Grelle nur noch von den Rückenlichtern überboten, die sich just in jenem Moment auf den dunkelbraunen Inhalt fixierten, wo er die üppig geformte Glasflasche hinter der Kuppel hervorholte. Die Studiokirchengäste applaudierten, als Bischof Gebruederlich seine Predigt beendete und regungslos mit der rot-weiß plakatierten Flasche Meta-Cola auf Kopfhöhe verharrte, das Lächeln gespenstig nett. Die vom Live-Orchester eingespielte Erkennungsmusik – zu besonderem Anlass mit einer Orgel als Hauptinstrument – tat ihr Übriges. Und schon hörte man den Kirchenchor den Slogan aller Slogans singen: „Forever-Meta-Cola!“ Das ‚Forever’ lang gezogen, das ‚Meta’ mit bedachter Weiche, das ‚Cola’ mit zufriedener Entschlossenheit.Schließlich verdunkelte sich das Bild, das jubelnde Klatschen verebbte. An der Dauer, mit der sich diese Abblende vollzog, konnte man gut erkennen, dass Meta-Cola auch nach über hundert Jahren und unzähligen Krisen noch zur absoluten Konzernelite gehörte – immerhin kostete gerade jetzt, zur Hauptsendezeit, jede Sekunde Tausende von Points. Das Bild war schwarz. Es folgte der nächste Werbespot.

Robert Aspirin™-Keeler schaltete die VisuWall™ verächtlich ab. Ein überlegenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Zweifelsohne lebten sie in einer Zeit der Manipulation, doch als aufmerksamer Beobachter – als aktiver Konsument – hatte er sich immer zum Kreis jener gezählt, die über der gewöhnlichen Massenblendung standen. Diese Predigt zum Beispiel war nicht, was sie vorgegeben hatte zu sein. Denn in Wirklichkeit wurde gar nicht um Meta-Cola geworben, sondern viel eher um die neue One-Step-Hyperbleaching™ Methode (© by Dent-O-Master™), die natürlich weiße Zähne in nur einem Arbeitsschritt versprach; auch, wenn das gar nicht in Meta-Colas Absicht gelegen hatte. Wie hieß das noch gleich? PIPP, wenn er nicht irrte, Product-In-Product-Placement. Die Werbung in der Werbung. Bei der Masse an hochwertigen Produktinformationen eine sehr raffinierte Methode, um subtil für sein Produkt zu werben. Hoch illegal, wenn wie hier praktiziert – was sich von selbst verstand – doch genauso schwer nachzuweisen. Und teurer als erwartet. Es mussten ungeheure schwarze Summen bereitgestellt werden, um die Werbeverantwortlichen davon zu „überzeugen“, die Aufmerksamkeit in ihrem Spot auf ein weiteres Produkt zu lenken. Doch wenn es glückte, erfreute sich dieses Prinzip ungemeinen Erfolgs: Der Zuschauer, von der großen Menge an offensichtlichen Zur-Schau-Stellungen ermüdet, entwickelte ein unterbewusstes Interesse an Nebensächlichkeiten und wurde von dem Product-In-Product in seinen Bann gezogen. Angeblich hatten die großen Konzerne dieses Phänomen bereits rationalisiert und geheime, gegenseitige PIPP-Verträge ausgehandelt, die ganz ohne Schmiergelder auskamen, auf der höchsten Ebene zumindest. So warb Suni™ für Infologies™ und Infologies für Suni; Magnetech™ für Mykesoft™ und Mykesoft für Magnetech. Doch in diesem Fall… Robert bezweifelte, dass Meta-Cola, die die Neue Uni-Konfessionelle Kirche (letzte Fusion ’21 mit dem Katholischen Block) für ihr Sponsoring-Programm ’26 gewinnen konnte, einen Nutzen aus einem gegenseitigen PIPP-Vertrag mit Dent-O-Master zog. Im Ernst; Dent-O-Masters PopQuot™ (© by Infologies) lag gerade mal bei 50.6! Im Vergleich zu Meta-Colas 1.3er konnte er sich verstecken.

 

Robert machte sich von seinem diffusen Gedankenstrom frei und erhob sich. Obgleich dieser Akt in erster Linie dazu diente, sich selbst seine Entschlossenheit zu demonstrieren, wieder an die Arbeit zu gehen, überfiel ihn Sekunden später ein überwältigendes Gefühl der Träge. Um sich vor seinem Ego nicht zu blamieren, entschied er sich, zumindest in die Küche zu stapfen, wenn es schon nicht für das Arbeitszimmer reichte.

Es war einfach einer jener Tage, an denen man zu nichts Lust hatte.

Es war ein Tag wie jeder andere.

Von einem Kaffee erhoffte er sich neue Kraft – BohnenBestes Schwarzes Feuer™, wenn er die Kaffeeklausel seines Nahrungsmittel-Abonnements richtig im Kopf hatte. Gutes Aroma. Auch, wenn das brasilianische Feuer der Leidenschaft in Wahrheit in deutschen Raffinerieöfen brannte. Sekunden, nachdem er die Maschine angestellt hatte, musste er seinen Plan allerdings wieder aufgeben: Sie zerfiel scheppernd. Verärgert stellte er fest, dass sie tatsächlich an jeder einzelnen Sollbruchstelle gebrochen war – wenn er sich auch einer gewissen Anerkennung über die Präzision nicht erwehren konnte. Er musste die im Schrotthaufen deutlich hervortretende Plakette nicht lesen, um zu wissen, dass heute die sechsmonatige Garantie um genau vierundzwanzig Stunden überschritten war. Vierundzwanzig Stunden, die der Konzern als Puffer für seinen rechtlichen Apparat im Falle eines Irrtums benötigte. Hier lag keiner vor. Ängstlich blickte Robert zurück ins Wohnzimmer zur Couch; er hatte beides am gleichen Tag erworben. Als er aber die vielen, eingestickten Werbeplakate entdeckte, atmete er auf. Er hatte die gesponserte Variante der Sitzgelegenheit erworben, der aus nachvollziehbaren Gründen eine wesentlich längere Garantie innewohnte. Nie wieder würde er sich eine ungesponserte Kaffeemaschine kaufen, was war bloß in ihn gefahren!

 

Es klingelte an der Tür.

 

Stöhnend erhob er sich erneut; auf Gesellschaft hatte er noch weniger Lust als auf einen kaffeelosen Nachmittag.

„Hallo Robert Aspirin-Keeler! Hast du schon was von dem neusten PM-Trendautoren gehört? Daniel P. Schenk, verrückte Geschichten, im Infostrom unter www.danielpschenk.com zu erreichen! Schau mal vorbei!“

Robert seufzte. Ned Magnetech-Wilson. Wäre die Gesellschaft ein Speer, Ned wäre seine Spitze gewesen.

„Hi Ned. Freu‘ mich auch, dich zu sehen. Komm rein.“

Aber Ned machte keine Anstalten. „Schaust du auf der Infoseite mal vorbei?“, beharrte er.

Robert atmete hörbar genervt auf. „Ja, ich schaue mal auf www.danielpschenk.com vorbei. DANKE FÜR DEN TIPP!“ Den letzten Satz brüllte er fast auf den Flur.

Ned nickte zufrieden und schaltete ein hervorgeholtes Aufnahmegerät aus. „Danke, Rob. Damit hätte ich hundert zusammen.“ Er trat ein. „Bin zurzeit im Post-Mortum-Trendsetter Partnerprogramm. Da ist einiges zu holen, sag ich dir. Manchmal sind gerade die unbekannten Firmen echte Goldgruben.“

Routiniert fragte Robert, während er zurück in die Küche schlurfte: „Welcher Popularitätsquotient?“

„Bei Infologies’ offiziellem PopQuot erreichen sie gerade mal 90.9, aber im Zielgruppen PopQuot B immerhin 40.2. Hast du Kaffee?“

„Kaffee ja, aber keine Maschine mehr.“

„Die Garantie?“

„Ja. Und eine 90.9er Firma kann sich ein attraktives Partnerprogramm leisten?“

„Aber ja, gerade die! Reich mir wenigstens das Pulver rüber.“

„Reden wir jetzt vom selben PopQuot? Der Quotient, der angibt, alle wie viele Minuten der fiktive Durchschnittsbürger Herrmann Biedermayr eine Sekunde lang von einer gegebenen Firma behelligt wird? Hier bitte.“

„Genau der. Danke. Oh, BohnenBestes‘ Brasilianisches Feuer! Das kann man auch ohne Wasser zu sich nehmen. In der Werbung heißt es, das Pulver ginge schon mit wenigen Tropfen Speichel eine wohlschmeckende, chemische Verbindung ein, die gegessen werden kann. Ideal für Reisen.“ Er nahm eine Handvoll in den Mund.

„Kaffeebrei, hm? Reizend. Und eine Firma, die sich nur alle 90.9 Minuten ins Gedächtnis ruft, hat genügend Ressourcen, um Leuten wie dir ansprechende Vergünstigungen zu zahlen? Ich kann mir das einfach nicht vorstellen.“

„Immerhin. Man hört alle anderthalb Stunden etwas von der Firma. Das darf man nie vergessen.“ Mit jeder Mundbewegung offenbarte sich eine schwarze Schlacke zwischen seinen Zähnen. BohnenBestes.

Robert schüttelte den Kopf. „Unsinn. Der Quotient führt in die Irre. Er wird aus so vielen Einzelkomponenten gebildet, dass der resultierende Durchschnittswert kaum mehr anwendbar ist. Sie müssen nur einmal pro Woche einen mehrminütigen Spot zeigen, und schon haben sie ihren Quotienten. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich etwas von ihnen gehört habe.“

„Andere dafür vielleicht umso mehr.“

„Ja, ja, mag sein. Aber das ist nicht der Punkt. Ich will nur sagen…“ Robert ächzte und ließ sich wieder am Küchentisch nieder. „Ach, vergiss es. Am Ende macht der Quotient schon Sinn. Für alle. Nur für den Einzelnen nicht.“

Ned nahm noch eine Handvoll Kaffee. „Das haben Quotienten so an sich. Sag mal Rob, was ist eigentlich los mit dir?“

„Das frag ich mich, seit ich in einen Spiegel sehen und meinen Namen denken kann.“

„Du scheinst nicht sehr zufrieden zu sein.“

„Womit sollte ich auch zufrieden sein? Bist du denn zufrieden, Ned Magnetech-Wilson?“

Ned dachte kurz nach. Anhand seiner sich aufhellenden Miene konnte man meinen, er habe soeben die Erleuchtung erfahren. „Es liegt an deinem Geburtensponsoring, oder? Du ärgerst dich, dass deine Eltern auf eine sterbende Marke gesetzt haben. Aspirin. Ich kann mir gut vorstellen, dass dein letzter Quartalscheck von der Firma – wie hieß sie noch gleich? – sehr mager ausgefallen ist. Zumindest, wenn ich mich hier so umsehe. Nach dem neuen Gesetzesentwurf für ‚Staatliche Zuwendungen’ ist es ja praktisch unvermeidlich geworden, zum gekürzten Gehalt einen kleinen Zuschuss zu erhalten. Du hättest es eben wie ich machen sollen; bis zu deinem dreizehnten Lebensjahr stand es dir noch offen, das Pferd zu wechseln. Ich kam auch nur ins Magnetech-Geburtensponsoring, weil ich mich dafür durch harte Arbeit qualifiziert habe. Die nehmen nicht jeden, nur ‚aktive Werbeträger’.“

„Womit du ja keine Probleme hast. Aber um all das geht es mir nicht. Sicher könnte meine Brieftasche ein paar Infusionen vertragen, aber… ich weiß auch nicht. Es ist mehr die Gesamtsituation. Ich habe heute wieder mal Bischof Gebruederlich zugehört, und mich ernsthaft –“

„Ah ja, die neue Meta-Cola Kampagne! Eine wahre Augenweide. Und mit dem Bischof haben sie ein echtes Zugpferd gewonnen, ohne Frage.“

„Ja…“ Robert wollte es bleiben lassen. Es hatte keinen Zweck. Doch einem Wunder gleich, das Robert nie wieder beobachtete, öffnete sich plötzlich der Oberflächlichkeitspanzer seines Gegenübers und ließ für einige wenige Sätze eine Lichtgestalt hervortreten, die Robert noch nie im ruppigen, leicht-lebigen Ned Magnetech-Wilson erblickt hatte.

„Aber ich weiß, worauf du hinaus willst, Rob. Vielleicht fehlt dir einfach der Plan hinter allem. Hast du schon was von Gilliam Carfield gehört? Vielleicht könntest du genau den einmal vertragen.“

„Wer ist das?“

„Der Typ ist ein echter Insider-Tipp. Dauert aber nicht mehr lange, und er ist ganz groß, versprochen. Vielleicht schon nach seiner Predigt auf dem World Union Center morgen Abend. Der Junge hat echt was zu sagen.“

Ein spöttisches Schmunzeln umfing Roberts Lippen. „Und für welches Partnerprogramm hast du das vom Stapel gelassen?“

Ned hob abwehrend die Hände.

„Ah, verstehe. Verschwiegenheitsklausel.“ Er zwinkerte Ned zu. „Und was ist das für einer?“

„Der Typ behauptet, er sei ein Bote Gottes… ein Heilsbringer, wie in der Bibel. Es ist schwer zu erklären, du musst ihn gehört haben.“

„Ach so.“

Betretenes Schweigen, das nicht so recht wusste, wieso.

„Na ja“, schloss Ned schließlich. Die Lichtgestalt in ihm war längst wieder verschwunden. „Kannst ihm ja mal ‘ne Chance geben. Er tritt nächste Woche bei der Johnny Stone Show auf.“

„Ja. Ich gebe ihm ‘ne Chance.“

 

War Neds wundersam-eindringliche Aura nur zu Präsentationszwecken gespielt gewesen, so konnte sich sein Werbepartner glücklich schätzen: Er hatte eine tolle Show gebucht.