Messias Vol. II
Kapitel 2 online lesen


In Kapitel 2 der Story „Messias Vol. II“ siniert unser Protagonist Robert über die Trostlosigkeit von werbefinanzierten Kriegen, während ihm der Autokauf-Kanal Ramsch in den Warenkorb legt. Da kommt ihm wieder dieser mysteriöse, selbsternannte Heiland namens Gilliam Carfield in den Sinn… Viel Spaß beim Lesen!

II

Leises Plätschern, gepaart mit dumpfer Musik, ließ Robert aus einem traumlosen Halbschlaf erwachen. Es war kühl, sehr kühl, und die Kälte stieß schubweise gegen seinen Nacken. Benommen richtete er sich auf, was die zerknitterte Decke und das auf Kante liegende Kissen dazu veranlassten, endgültig von der Couch zu rutschen. Im Hintergrund redete jemand – leise, monoton, pausenlos, was es leicht machte, das Geräusch zu ignorieren. Entnervt stellte Robert fest, dass er sich in seiner angewinkelten Pose eine Ganz-Körper-Verspannung zugezogen hatte. Vom pulsierenden Nacken ganz zu schweigen. Seine Müdigkeit wich um einige Meter, als er feststellte, dass sich wieder einmal der Autokauf-Kanal eingeschaltet hatte, und dass die Stimme einem leblosen, aber äußerst professionellen Mittsechziger gehörte, der diverse Waren anpries. Bertrand Schwartz, praktischerweise auch der Erfinder des Kanals.

„… aber damit noch lange nicht genug! Denn mit dem neuen Hinkelmann Tomatensaft-Extraktor™ können Sie auch das Fleisch schmackhaft weiterverwerten! Wie? Ganz einfach…“

Eine neue Kältewelle schlug ihm entgegen. Der Blick wanderte zum Fenster – es war offen. Draußen regnete es. Aber da war noch mehr: Musik. Als Robert das Fenster schließen wollte, sah er ihren Ursprung. Am Querstraßenzug marschierte eine Parade auf. In regelmäßigen Abständen stachen Banner mit der Aufschrift ‚Powered by Suni’ aus den Reihen.

„Stimmt ja.“, ging es Robert durch den Kopf, „Wir haben der Mittelamerikanischen Trinität den Krieg erklärt. Wo ich diese Tage nur mit meinen Gedanken bin…“

Es hatte irgendwas mit einer wiederholten Menschenrechtsverletzung der panamaischen Landesverwaltung zu tun. Dieses Mal könnte der Kampf aber durchaus interessant werden, da die Trinität einen mächtigen Financier gefunden hatte: Infologies. Analysen hatten gezeigt, dass Mittelamerika ein vielversprechender Markt werden könnte. Einen Krieg in  Petto zu haben war also kein verkehrter Gedanke. Fast wäre es sogar Meta-Cola geworden, aber im letzten Moment machten sie wegen ihrer ’26er Kampagne einen Rückzieher. Bischof Gebruederlich auf der einen, mittelamerikanischer Krieg auf der anderen Zeitungsseite? Das gab nichts her. Imagepflege. Infologies hingegen kannte derlei Probleme nicht. Ihr Slogan: „The Winner For The Best.“

Ein neuer Windzug, zusammen mit einigen kühlen Tropfen Nass. Ein grimmiges Lächeln – wie froh er doch war, nicht zu den rund hunderttausend Wehrpflichtigen da unten zu zählen, die in diesem Wetter ihrem Ende entgegen trabten. Denn wenn die großen Firmen zwischen den kostenlosen Wehrpflichtigen und ihrer eigenen Söldnerarmee wählen mussten, fiel das Los selten zu Ungunsten der teuer ausgebildeten Berufskrieger. Alles andere wäre auch unökonomisch gewesen. Die Regierung stellte das Material, also warum nicht vorrangig verbrauchen? Immerhin konnte man als junger Wehrpflichtiger so von sich behaupten, Teil der nächsten Kriegsbewerbungskampagne geworden zu sein (von welcher Seite, blieb aber fraglich), oder Aufnahme in einen der neuesten Anti-Kriegsfilme gefunden zu haben (Santa Barbaras Studiobosse zahlten Unsummen für gutes Kriegsmaterial!), solange es einen nur übel genug erwischt hatte.

„… alles, was Sie dafür tun müssen, ist die nächsten dreißig Sekunden dran zu bleiben! Für lächerliche 60 Points* können Sie schon in wenigen Momenten…“

* Porto, Versand, Garantieerweiterung, Service Hotline, Gebrauchsanweisung exklusive

„Fuck!“ Robert hastete zur VisuWall und schaltete panisch ab. „Mistkerl, elender.“ Mit wachsendem Unmut überprüfte er das Programmprotokoll des Nachmittags. „Wie ich’s mir dachte…“ Der Autokauf-Kanal lief schon eine ganze Weile. Als Robert eingenickt war, hatte sich irgendwann ganz still und heimlich aktiviert. Das war zwar streng genommen verboten, aber das Bußgeld, das der Sender – der Regierung wohlgemerkt – für diesen erzwungenen Kanalwechsel zahlen mussten, wurde doppelt und dreifach durch die Verkäufe eingenommen. Informations- und Kaufnötigung hieß dieses Verbrechen. Und ihm zum Dank hatte Robert während des Schlafs zwei Küchenmessersets, drei Stehlampen, ein Duftölsortiment, einen Satz Bananen-Eigenheim-Zöglinge, zwei Teddybären und eine Kaffeemaschine erworben. Kaffeemaschine? Wenigstens das. „Ich muss mir dieses Autoalarm-System zulegen.“ Die konnten einem erzählen, was sie wollten – aber das war alles eine große Verschwörung. Wenn die VisuWall nicht von der Ausstrahlerseite her manipulierbar gewesen wäre und nicht Zugriff auf die persönlichen Daten des Empfängers gewährte, wäre auch eine Erfindung wie der Autokauf-Kanal hinfällig gewesen. Und warum konnte das Autoalarm-System nicht schon integriert sein!

Leise fluchend schmiss Robert die Fernbedienung weg und ließ sich missgestimmt zurück auf die warme Couch fallen. Was nun? Da fiel ihm wieder Magnetech-Wilson ein. War es schon wieder eine Woche her, dass er mit ihm gesprochen hatte? Tatsächlich. Er hatte etwas von Gilliam Carfield gefaselt und dass er heute Abend bei Johnny Stone auftreten würde. Hm. Er hob die Fernbedienung wieder auf und schaltete auf Kanal Positiv. Was er in jener Woche über Carfield aus den Medien erfahren hatte, bot ihm ein sehr zwiegespaltenes Bild über den selbsternannten Gottesboten. Heilsbringer hieß es da, Scharlatan dort. Für die einen war er ein strahlender Stern der Hoffnung, für die anderen ein düsterer Mond der Täuschung. Nur in einem schien man sich einig: Nach seiner Predigt auf dem World Union Center war er zu dem Überraschungs-PopQuot-Sprenger des Frühlings geworden. Gestern belief sich sein PopQuot auf 19.1, heute war er schon bei 12.4! Nach dem Auftritt bei Stone würde er sicher im Top-Ten-Bereich rangieren.

„Und nach der Werbung sehen Sie live bei Johnny Stone – exklusiv und erstmalig – den berüchtigten Gilliam Carfield in der Sendung ‚Zwischen Sein und Schein’! Bleiben Sie dran.“

Robert verspürte ein ungewöhnliches Gefühl der Vorfreude. Er hatte Carfield bislang nur in vereinzelten Nachrichtenbeiträgen und Amateuraufnahmen seiner Heilstour gesehen; die große Predigt hatte er verpasst. Er war gespannt zu sehen, was es mit all den Gerüchten und Behauptungen auf sich hatte. Stone würde ihm einheizen, soviel stand fest. Er galt nicht umsonst als ‚unbestechlicher Journalist in einer Zeit der korrumpierten Blenderei.’

Ein Donner durchfuhr das graue Himmelzelt hinter dem Fenster, der Regen gewann an Stärke.

„Verheißungsvoller Willkommensgruß für den Messias.“, dachte Robert hämisch und zog die Decke enger um seine Brust.