Schenksphäre
Die unglaubliche Bobby-Wayne-Story in 800 Worten


DIE KURZFASSUNG

Für alle Leser, die sich von sieben ganzen Blogposts abgeschreckt fühlen, die Story aber trotzdem verstehen möchten: Bobby Wayne in 800 Worten.

Eines Tages meldete sich eine fremde Person in meinem Facebook Profil. Sie lud mich ans Filmset des neuen Uwe Boll Films in Kroatien ein.

Diese Person war Bobby Wayne (Name geändert).

Ich wurde neugierig und in der folgenden Korrespondenz erfuhr ich, dass Bobby ein junger Unternehmer und Vertrauter Uwe Bolls war. Er mochte meine Filme und fand die Idee toll, mich mit Uwe Boll zu vernetzen.

Zumindest verstand ich das so. Zwar war ich kein ausgesprochener Boll Fan, aber die Möglichkeit, einen internationalen Filmproduzenten kennenzulernen, reizte mich schon.

Ich sagte zu.

Das Gipfeltreffen solle im folgenden Monat steigen. Ich nutzte die Zeit, um Bobby Wayne näher zu kommen. Irgendetwas faszinierte mich; er schien ein Erfolgsmensch mit machtvollen Kontakten zu sein, der sich zugleich Zeit herausnahm für einen Nachwuchsregisseur. Ein toller Mix.

Und tatsächlich entwickelte sich der Kontakt vielversprechend weiter, im wörtlichen Sinne.

Zuerst versprach er mir zwei Berlinale Tickets, dann eine TESLA Grafikkarte zur Aufstockung meiner Workstation.

Als wir tiefer ins Thema stiegen, ließ er sogar eine RED Scarlet Kamera vom Stapel laufen! Diese High-Tech-Kamera war noch gar nicht auf dem Markt, dank Bobbys Kontakte aber als Vorlaufmodell nach Berlin unterwegs.

Gleichzeitig erzählte er mir von seinem eigenen Mega-Projekt: Eine Bankrott gegangene Flugzeugfirma, bei der er einst angestellt war, mittels eines 150-Millionen-Dollar-Joint-Venture-Kredits wieder ins Leben zu holen. Ich war mächtig beeindruckt, und womöglich lag da auch der Sinn.

Zwei Jahre zuvor hatte Bobby außerdem ein Laufprojekt initiiert – 10.000 km nach China wandern, um rechtzeitig zur Weltausstellung anzukommen. Dieser „Asia-Walk“ hatte beachtliche PR bekommen, mit dem einzigen Haken, dass er nie startete: Bobby stieg zwei Tage vorm Startschuss aus.

Trotzdem hielt ich große Stücke auf ihn.

Den Gipfel stürmte Bobby dann, als er mir einen Imagefilm-Auftrag in Aussicht stellte. Für sein baldiges Flugzeugunternehmen. Geschätztes Budget: Eine Million Dollar.

Hui.

Der Grund, warum ich all diese Sachen ernst nahm, obwohl vieles unglaublich klang, war damals derselbe wie heute: Es gab keinen ausdrücklichen Gegenbeweis. Obwohl ich immer skeptisch blieb und mittlerweile alles für ausgemachten Unfug halte, siegte die Ungewissheit.

Unser Kontakt ging so weit, dass wir uns persönlich in Köln trafen. Bobby hatte einen traumhaften Plan: Er wollte 10.000 Euro in meinen neuen Film investieren und in einem zweiten Schritt eine Limited gründen, mit der wir den Film gemeinsam auswerten (= zu Geld machen) würden. Ich war einverstanden. Der Vertrag sollte in Kroatien unterschrieben werden. Super!

Ich flog zum Datum nach Kroatien und war gespannt wie ein Flitzebogen. Ich sollte Uwe Boll kennenlernen und den Vertrag unterschreiben. Letzteres geschah noch am ersten Abend; soweit, so gut. Ein ungutes Gefühl blieb. Es verhärtete sich, als ich in den folgenden Tagen Uwe Boll NICHT kennenlernte. Bobby verpasste das Networking galant, ich stand schlussendlich wie ein dahergelaufener Passant am Rand des Sets.

Meine Laune sackte ab. Tags darauf wollte ich ihn mir zur Brust nehmen; ich wollte ihn eindringlich auffordern, bitte den Kontakt zum großen Chef herzustellen. Doch Bobby – oder das Schicksal – kam mir zuvor.

Ich erhielt von Bobby eine SMS, dass ein enges Familienmitglied soeben verstorben sei und er unverzüglich abreisen müsse. Ich blieb unverrichteter Dinge in Kroatien zurück. Am Ende hatte mir mein Ausflug ein paar bessere Making-Of-Eindrücke beschert.

Ich harkte daraufhin bei der RED Scarlet Kamera nach. Ihre Ankunft war längst überfällig. Nach einem ewigen Hin- und Her, in dem Bobby eine neue Person einführte – den mysteriösen Michael – endete das Hickhack in einer sagenhaften E-Mail, die wirklich lesenswert ist (Part #7). Michael sollte die Kamera von Berlin nach Köln verschicken, meldete sich aber niemals auf meine E-Mails und ließ es schlussendlich einfach bleiben. Seine Existenz ist wie vieles fragwürdig.

Ich wurde misstrauisch, das ganze Konstrukt aus Versprechungen schien zusammenzubrechen. Die Berlinale Tickets wurden niemals versendet, die TESLA Grafikkarte wanderte statt in meinen Briefkasten auf eBay, der 1-Million-Euro-Imagefilm hing von der Gewährung eines ungewissen 150-Millionen-Dollar-Kredits ab, die RED Scarlet Kamera hatte ich mir schon abgeschminkt. Obwohl sie in Berlin nur auf ihren Weiterversand wartete…

Blieb noch der unterschriebene Darlehensvertrag. Die Wochen bis Zahlungsfrist verstrichen, ohne dass Bobby zu seiner gewohnten Chat-Redseligkeit zurückkehrte. Auf meine Anfragen erhielt ich keine oder nur vertröstende Antworten. Ich wurde immer skeptischer und gab mir Mühe, formell korrekt zu bleiben, um Missverständnisse auszuschließen.

Bobby zog um. Vielleicht brauchte er einen Tapetenwechsel.
Auf Facebook änderte er seinen Namen. Vielleicht brauchte er… einen Buchstabenwechsel.

Die Deadline zum Darlehen kam und ging. Ich dachte, vielleicht ist Bobby wirklich so unglaublich beschäftigt mit seinen Multi-Millionen-Dollar-Deals, dass er mich übersehen hatte. Dann löschte er mich von seinen Facebook Freunden. Und ich wusste, dass er mich _nicht_ übersehen hatte.

Ich schrieb ihm eine letzte, ultimative E-Mail und forderte ihn zur Richtigstellung der Sachlage auf. Doch da war es längst zu spät. Bobby war schon lange aus meinem Leben entfleucht. Genauso schnell, wie er sich eingeschlichen hatte. Und anstatt einem Baby hinterließ er mir einen unterschriebenen Darlehensvertrag. Den ich natürlich nicht vergessen habe.


Irgendwie unglaublich das Ganze, oder?

Da steh ich nun, ich armer Thor, Und bin so klug als wie zuvor. – Goethe