Messias Vol. II
Kapitel 3 online lesen


In Kapitel 3 der Story „Messias Vol. II“ kommt es in der „Johny Stone Show“ vor laufenden Kameras zur ersten Konfrontation zwischen dem selbsternannten Sohn Gottes namens Gilliam Carfield und dem mehr als kritischen Moderator Johnny Stone. Der bringt außerdem einen weiteren „Jesus von Nazareth“ an den Tisch… Viel Spaß beim Lesen!

III

„Meine Damen und Herren, herzlich willkommen zur Johnny Stone Show! Heute mit der Sendung ‚Zwischen Sein und Schein’ und dem Hauptgast Gilliam Carfield! Und nun, verehrtes Publikum, Applaus für Ihren Gastgeber Johnny Stone!“

Der Jubelapplaus – eine Mischung aus synthetischen Klängen und von Animatoren provozierten Publikumsklatschern – schwoll an, als ein knapp vierzigjähriger und mehr interessant als attraktiv geschnittener Mann in legerem Outfit die Bühne betrat. Mit zuversichtlichem Lächeln winkte er den Zuschauern entgegen.

„Guten Abend –“

Der Applaus schwoll an. Er nickte dankend und setzte erneut an.

„Guten Abend meine –“

Doch die Stimme ging im Verstärkerunwetter unter. Seine Zuversicht wandelte sich in eine gespielte Verlegenheit, das Lächeln scheu zu Boden, er wartete auf ein Neues. Der Applaus verhallte allmählich.

„Vielen Dank. Guten Abend meine Damen und Herren und allen Zuschauern da draußen. Und ich würde mich nicht wundern, wenn das heute eine ganze Menge wären, denn es erwartet Sie in unserer Sendung heute Abend ein aufregendes Programm, interessante Gäste, eine scharfe Kontroverse und natürlich der Shootingstar des Jahres.“ Er hielt abrupt inne und zwinkerte in die Kamera. „Ich muss ihn nicht mehr vorstellen, oder?“ Er machte einen Schritt zurück und schlug sich ratlos in die Hände. „Aber dafür werde ich immerhin bezahlt. Er wird als der neue religiöse Führer der Stunde gehandelt. Seine Ansprache auf dem World Union Center vor Tausenden von Zuhörern gilt schon jetzt als Meilenstein der Religionsgeschichte und macht nur noch als berüchtigte ‚Betonpredigt’ die Runde. Menschen, die ihm begegneten, sprachen von einem fleischgewordenen Wunder. Seine Heilstour quer über den Globus bekehrte Zehntausende zu einem neuen Glauben. Er behauptet von sich selbst… doch lassen Sie es ihn in seinen eigenen Worten sagen. Meine Damen und Herren, Gilliam Carfield!“

Erneuter Applaus, eingespielte Musik. Aus der Plastikkulisse im Hintergrund trat, begleitet von gleißendem Licht und dichtem Nebel, die Silhouette eines geschmeidigen Mannes. Als ihn das Effektgehasche freigegeben hatte, offenbarte sich eine attraktiv-gepflegte, elegant gekleidete Gestalt in ihren frühen Dreißigern. Und obwohl die wachen Augen, der verschmitzt-verzogene Mund und die offene Stirn von einer tiefen, aufmerksamen Intelligenz zeugten, hätte man lügen müssen, wenn man von Begleiterscheinungen wie Verschlagenheit, Distanz oder Arroganz reden wollte. Die Person erreichte Stone und das prägnant gezogene, aber weiche Gesicht hellte sich zu einem freundschaftlichen Lächeln auf. Sie gaben sich die Hand und Stone bedeutete ihm auf dem Sessel neben sich Platz zu nehmen. Er selber setzte sich ihm gegenüber, getrennt von einem avantgardistischen Glastisch. Der Applaus verstummte erneut.

„Mister Carfield, zunächst einmal herzlichen Dank, dass Sie heute –“

„Bitte nennen Sie mich Gil.“

„Wenn das so ist – vielen Dank für Ihr Kommen, Gil.“

Carfield nickte aufmerksam.

„Nun Gil, ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden. Viele Leute brennen darauf, Ihre Behauptung aus Ihrem eigenen Mund zu hören. Sie hat bisweilen schon große Kontroversen hervorgerufen, und –“

„Zunächst würde ich gerne etwas richtig stellen, John.“ Seine Stimme hatte einen angenehmen Klang; nicht sanft im klassischen Sinne, in gewisser Weise sogar rau. Man konnte hören, dass sie schon oft den Ton angehoben hatte, und dass sie gewaltig werden konnte, wenn es eines solchen Temperaments bedurfte. Doch gerade jetzt war sie ruhig und besonnen, frei von Untertönen, klar im Ursprung. Ein selbsterwählter Klang, kein Sklave physischer Beschaffenheit, sondern Produkt eines durchblickenden Geistes.

„Sie sagten, ich hätte überall auf der Welt Menschen zu einem neuen Glauben bekehrt.“

„Bestreiten Sie das etwa?“

„Es ist kein neuer Glaube, den ich lehre, im Gegenteil. Es ist der alte. Und bekehrt habe ich niemanden. Ich habe nur einen anderen Weg aufgezeigt. Wer ihn wählte, tat dies aus freien Stücken.“

„Ergeben Sie sich jetzt nicht in Haarspalterei?“

„Nein, John. Denn wie der Verlauf dieses Gesprächs noch zeigen wird, hängen die Menschen sehr an den Worten. Und wie wir ebenfalls sehen werden, ist es mein größter Wunsch, dagegen anzugehen. Doch bis dahin sollte man besser mit den Mühlen mahlen anstatt gegen sie zu kämpfen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„In etwa. Sie sagen: Besser adaptieren als untergehen?“

„Ich sage: Rebellion ohne Plan ist wie ein Gebet ohne Glaube – eine ziemlich sinnlose Sache.“

Lacher.

„Sie sehen sich also als Rebell?“

„Ich sehe mich als Menschen, der etwas zu sagen hat und sich davon eine Änderung erhofft.“

„Doch damit nicht genug, habe ich Recht? Kommen wir zurück zu Ihrer Behauptung, Gil.“

Carfield nickte. „Wenn Sie auf meine Herkunft anspielen: Ja, ich bin Gottes Sohn.“

Dumpfer Aufruhr im Publikum; ein Brei aus Belustigung und Entrüstung. Der Seitenblick des Moderators gespielt nebensächlich.

„Eine sehr interessante Behauptung. Mit anderen Worten, Sie sind der wiederauferstandene Jesus Christus?“

„Nein, das würde der Sache nicht gerecht. Ich bin Gilliam Carfield.“

„Sie sind also… Jesus’ Bruder?“

Kurzes Auflachen, vereinzelte Klatscher.

„Nicht direkt. Ich bin nicht Jesus, weil ich als Gilliam Carfield geboren wurde. Dennoch steckt das, was Jesus zum Sohn Gottes machte, auch in mir.“

„Also der göttliche Samen?“

Carfield zwinkerte Stone zu. „So in etwa, auch wenn Sie jetzt polemisch werden. Einigen wir uns darauf, dass ich der ‚Jesus Christus Ihrer Zeit’ bin, einverstanden?“

„Von Einigung kann keine Rede sein, fürchte ich! Denn außer Ihren Worten spricht nichts dafür, dass Sie Recht haben. Aber ich denke, dass unser zweiter Gast das Problem viel besser in Worte fassen kann als ich. Meine Damen und Herren, begrüßen Sie mit mir – Jesus von Nazareth!“

Applaus. Aus der Kulisse entstieg ein in weiße Laken gehüllter Mann mit langen, glatten Haaren und dichtem Vollbart. Immer wieder vereinzelte Herde des Gelächters. Anstatt den beiden Sitzenden die Hand zu reichen, faltete er die Hände und nickte Ihnen zu. Dann nahm er auf dem Sessel neben Carfield Platz, der aus dem Schmunzeln kaum heraus kam.

„Was findest du so lustig, mein Sohn?“, fragte der Gewandträger.

„Verzeihen Sie mir bitte. Ich wollte nicht respektlos erscheinen, es ist nur – Sie haben das westliche Klischee des biblischen Christus‘ stilsicher getroffen.“

„Ich weiß nicht, was du meinst – ich bin Jesus Christus.“

Das Publikum begann unter Jubelpfiffen zu klatschen.

Carfield nickte mit wehmütigem Lächeln. „Ja, das dachte ich mir schon.“

Stone schaltete sich mit schelmischem Grinsen ein. „Vielen Dank, dass Sie unserer Einladung nachgekommen sind, Herr von Nazareth. Ja Gil, jetzt haben wir ein Problem, oder?“

Carfield besah sich den vermeintlichen Messias und fragte schließlich: „Wieso?“

„Es steht immerhin Wort gegen Wort.“

„Wenn er wirklich glaubt, er sei Jesus Christus, und wie ich Sie kenne, John, tut er das auch, hat er es doch gut getroffen.“

Der Bärtige nickte. „Ich bin Jesus Christus, mein Sohn. Ich schwöre es bei allem, was mir heilig ist.“

„Das schon“, meinte Stone, den selbsternannten Nazareth ignorierend, „aber woher sollen wir wissen, dass nicht er der wahre Christus unserer Zeit ist? Immerhin hat er es gerade geschworen.“

„Sie können es nicht wissen. Vielleicht ist er es.“

„Das würde aber heißen, dass Sie ein Scharlatan sind! Oder schickt Gott neuerdings mehrere Söhne auf einmal?“

„Natürlich nicht; ich bin Gottes einziger Sohn!“, empörte sich der Gewandtragende.

„Wenn Sie es sagen, Herr von Nazareth. Stimmen Sie dem zu, Gil?“

„Für sich ist er Jesus, doch ist er es für Sie? Ich sage Ihnen etwas: Wenn er Sie davon überzeugt, dass er Jesus ist und Sie aus tiefstem Herzen an ihn glauben, ja, dann ist er der wahre Sohn Gottes.“

Millionen Augenpaare, die sich in diesem Moment auf die befremdliche Erscheinung aus Weiß und Haar richteten.

„Sehen Sie, John, das grundlegende Problem, was Glauben – den ich Ihnen gerade näher bringen wollte – und rationelles Denken – das Sie mir vermitteln wollten – in der Diskussion haben, ist, dass sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Die Worte des Glaubens sind in der Kausalität des rationellen Denkens ohne jegliche Bedeutung; ebenso mangelt es der Wissenschaft an Argumenten mit Kraft – denn der Begriff ‚Argument’ an sich verliert im Glauben an jedweder Konsequenz. ‚Ich glaube, weil…’ wäre in einem religiösen Schulaufsatz schon eine Note-Sechs-Einführung, wenn Sie mir diese Verbildlichung erlauben.“

„Und wie steht es mit Philosophie? Der Religionsphilosophie beispielsweise?“

„Ein zuweilen masochistisches Spiel. Die Philosophie erweckt den Eindruck, den Glauben rationalisieren zu können. Und tatsächlich reduziert sie im Dialog die Wand zwischen Glauben und Rationalität auf eine hauchdünne Membran. Man hat das Gefühl, die andere Seite regelrecht berühren zu können… doch es bleibt ein hoffnungsloses Unterfangen. Soviel Sie auch pressen, Materie wird nie verschwinden. Sie können der Sprache nicht die Worte nehmen, Sie können dem System nicht die Struktur nehmen, Sie können Rationalität nicht wegrationalisieren. Es verteilt sich nur um. In diesem Fall: Die Wand wird umso länger, je dünner sie wird. Je schmaler die Grenze zwischen den Welten erscheint, desto länger muss man an ihr entlang gehen, ehe man die Sinnlosigkeit erkennt. Während du gehst, erscheint es dir richtig – ich bitte dich, so eine dünne Wand! – doch das Resultat bleibt dasselbe.“

„Sie sprechen in sehr rationellen Begriffen für einen Mann von der anderen Seite der Wand.“

„Wie gesagt, John: Solange das Ziel nicht erreicht ist, mahlt man besser mit der Mühle.“

„Und was genau ist Ihr Ziel? Was wäre nun, wenn ich weder ihn hier, noch Sie für unseren Messias halten würde?“

„Aber ich bin Jesus Christus, mein Sohn! Wiedergekehrt nach über zweitausend Jahren, um unserer verirrten Menschheit den rechten Weg zu weisen.“

Carfield nickte amüsiert. „Da hören Sie’s. Besser hätte ich es nicht formulieren können. Und wenn Sie keinen von uns beiden für den Messias halten – warten Sie entweder auf den dritten oder geben uns noch eine Chance, Sie zu überzeugen. Ganz einfach.“

„In Ordnung. Gehen wir einfach mal davon aus, Sie wären der Messias. Auf Kredit, damit wir hier weiter kommen.“

„Denn ich bin es, mein Sohn. Oh ja, ich bin es wahrhaftig.“ Die Blicke des Nazareths fromm gen Himmel gerichtet. Stone und Carfield fuhren ohne ihn fort.

„Was besagt Ihre Lehre im Kern?“

„Allein die Frage stimmt mich schon traurig. Aber in Anbetracht der Tatsachen möchte ich mir davon das Gemüt nicht trüben lassen. Meine Lehre, das heißt die Lehre meines Vaters, besagt nichts anderes als vor zweitausend Jahren. Nachzulesen in jeder Supermarkt-Bibel.“

„Aber Sie werden sich doch eingestehen, dass an meiner Frage irgendetwas dran ist, oder? Sonst wären Sie heute sicherlich nicht hier. Und abgesehen davon – warum erneut predigen, wenn es schon bestens dokumentiert ist?“

Carfield seufzte. „Da haben Sie natürlich Recht. Die Lehre ist in Vergessenheit geraten, sofern sie den Menschen jemals wirklich im Gedächtnis war. Doch auch, wenn ich mir dieser Tatsache bewusst bin, schmerzt es mich jedes Mal aufs Neue. Und obwohl sich im Kern nichts geändert hat, bin ich wiedergekehrt, um die Lehre in neue Worte zu manteln. Denn wie ich schon sagte – die Menschen hängen sehr an den Worten.“

„Sollten Sie dann nicht eher versuchen, die Menschen von dieser unglückseligen Bindung zu lösen, anstatt ihnen eine neue Lehre zu indoktrinieren?“

Ein mundgepresstes Kopfschütteln. „Formulieren Sie absichtlich so provokativ, oder ist Ihnen das im Laufe der Zeit einfach in Fleisch und Blut übergegangen? Wie ich schon sagte, weder ist die Lehre neu, noch indoktriniere ich irgendetwas. Mein Weg ist der Ihre, und wenn Sie mich dieser Verbrechen anklagen, so müssen Sie sich einen Spiegel vorsetzen. Ich schätze Ihre Show sehr, und ich weiß, dass Sie lautere Ziele verfolgen. Formulieren Sie gerne hart, ich bitte darum, aber nicht unfair.“

„… in Ordnung. Zurück zur Frage: Haben Sie sich nicht die falsche Aufgabenstellung gewählt?“

„Nein. Denn ironischerweise ist der einzige Weg, eine Lösung von den Worten zu erreichen, über die Sprache aufzuzeigen, die nun einmal zwangsläufig aus Worten besteht. Wird meine Lehre richtig aufgefasst, kommt das Lösen von ganz alleine. Es ist praktisch ein Bestandteil davon.“

„Aber was besagt sie denn nun im Kern, Ihre Lehre?“

Abermals musste sich Carfield eines Lächelns erwehren. „Nun, am Ende besagt sie nicht viel mehr als das: Führe ein Leben, das vor dir selbst und anderen Bestand hat.“

Stone blickte Carfield aus übertrieben weit aufgerissenen Augen an, den Mund schweigend geöffnet. Mit der gleichen Miene blickte er ins Publikum, dann langsam wieder zurück, und wie auf das Schnipsen eines Hypnotiseurs hin erwachte er schließlich aus der mimischen Trance.

„Wow.“ Stille. „Sie sind wirklich mit der Zeit gegangen, Gil. Ökonomisch bis hinten gegen. Denn wenn das mal keine gesundgeschrumpfte Lehre Gottes ist, weiß ich auch nicht.“ Monsunartige Gelächterfälle. Tosender Applaus, Jubelpfiffe. Stone reagierte nicht. Stattdessen starrte er Carfield mit erhobenen Mundwinkeln an, den Körper vornübergebeugt. Der allerdings hatte sich dem Publikum angeschlossen und lauthals losgelacht, den Mund scheunenweit geöffnet, die Augen zu Schlitzen zusammengepresst. Er beruhigte sich nur langsam. Als schließlich die Tonkulisse der Halle verebbt war, setzte Stone erneut an.

„Fehlt Ihnen als Messias von Milliarden nicht der nötige Ernst?“

Wieder vereinzelte Lacher.

Carfield, das Lachen mittlerweile zu einem amüsierten Schmunzeln herunter gekämpft, schüttelte den Kopf. „Das Leben macht Spaß, John. ‚Ernst’, wie Sie ihn meinen ist nur eine Maske. Zugegeben, eine sehr verkaufsträchtige Maske, aber doch nicht mehr. Sie schwindelt Seriosität, Disziplin, Entschlossenheit und Kompetenz vor – wunderbare Tugenden, daher ist der Wunsch nach ‚Ernst’ ein sehr ehrbares Unterfangen. Aber er hält nur selten, was er verspricht. Ernsthaftigkeit ist der Weg der geistig Armen, nach mehr zu scheinen.“

„Tun Sie den zahllosen, ernstlebigen Menschen da draußen jetzt nicht großes Unrecht? Sie stellen Sie als Schwindler und geistig Arme dar.“

„John: Sie wollen mich falsch verstehen. Und das ist der springende Punkt an der gesamten Menschheit, nicht nur der Ihre. Es ist sicherlich ein Zeugnis großer geistiger Reife, die Schwächen im Wortgeflecht des Anderen zu entdecken – was wohlgemerkt immer möglich ist, da die Schwäche schon in den Worten selbst liegt – aber ist es nicht Zeugnis noch viel größerer Reife, über diese Schwächen hinwegzusehen und den Kern trotzdem zu erfassen?“

„Sie meinen also: Die Argumente des Gegenübers schöndenken?“

„Ich meine: Dem Anderen dieselbe Fehlbarkeit einräumen wie sich selbst.“

„Verstehe. Kommen wir also zurück zur Lehre. Auch wenn Ihr Kern schnell erklärt scheint, interessieren mich doch noch einige Details.“

„Ich kann es Ihnen gerne ausformulieren, John: Lieben Sie Ihren Nächsten wie sich selbst. Wenn Sie geschlagen werden, halten Sie auch die andere Wange hin. Erkennen Sie, dass Gnade und Güte Bildnis größerer Stärke sind als Rache und Gier. Handeln Sie danach. Geben Sie, John, und es wird Ihnen gegeben. Lieben Sie, und Sie werden geliebt. Verzeihen Sie, und es wird Ihnen verziehen. Helfen Sie, und es wird Ihnen –“

„Ja, ja, das kennen wir ja alles schon, aber –“

„Also doch?“ Carfield zwinkerte Stone zu.

„Natürlich, das –“

„Ich sagte doch: Ich lehre den alten Glauben. Die Lehre dürfte bekannt sein.“

„Aber was ist mit Ihren neuen Worten?“

„Sind Sie enttäuscht, weil Sie sich ein Remake erhofften, doch nun das Original zu sehen bekommen?“

„Nein, aber Sie sagten, Sie würden der Lehre einen neuen Mantel verpassen!“

Carfield sah sich erstaunt um. Dem Publikum und den Kameras schenkte er einen wohlwollenden Blick. „Aber John, das tue ich doch schon die ganze Zeit. Sie sind nur zu sehr damit beschäftigt, mir Paroli zu bieten, um es zu merken. Was heute genau wie vor zweitausend Jahren gesagt werden kann, werde ich nicht krampfhaft umformulieren. Sie baten doch um den Kern. Und der hat sich nun mal nicht verändert. Er wird sich nie verändern.“

Stone nickte ihm anerkennend zu, das Kinn auf die Hand gestützt. „Gut, dann anders: Inwiefern versuchen Sie, den Menschen von heute die Lehre von damals nahe zu bringen? Ein Beispiel: Diese elende Wangengeschichte! Wenn ich geschlagen werde, halte ich doch nicht noch meine andere Backe hin, ich gebe es zurück!“

Zurufe aus dem Publikum. ‚Genau’, ‚So ist es!’, ‚Ja!’

Carfield schwieg für einen kurzen Moment. „Vielleicht können Sie mit einem neueren, umgekehrt formulierten Term mehr anfangen: Gewalt erzeugt Gegengewalt. Nichts anderes besagt die Wangengeschichte. Versuchen Sie, einen anderen Weg zu finden. Seien Sie der Vernünftige. Beenden Sie es. Erwarten Sie nicht vom Anderen, das Richtige zu tun, sondern von sich selbst. Es soll nicht heißen, wehrlos unterzugehen.“

„Das sagt sich so schön, aber in einer Ellbogengesellschaft wie unserer würde man damit von einem Bluterguss zum nächsten wanken. Unmöglich.“

„Das war damals nicht anders. Menschen waren nie harmonischer oder weniger ruppig als heute. Und doch, es ist möglich. Nicht immer in dem Maße, in dem man es sich wünscht, und nicht immer so schmerzfrei, wie man hofft, aber es funktioniert. Das ist der Weg des Herrn – auch wenn’s ein wenig abgedroschen klingt. Ich sage Ihnen: Gehen Sie den ersten Schritt zurück im Kriegsgetümmel, und Sie werden sehen, wie man es Ihnen gleichtut. Schritt für Schritt. Doch erwarten Sie es nicht; das ist der Trick.“

„Klingt vielversprechend.“

„Die Lehre Gottes ist ein Wegweiser, wie man selber zu einem besseren Menschen wird – nicht der gesamte Rest um sich herum. Das kommt früher oder später von alleine. Was zählt, ist Ihre Einstellung.“

„Ein Wegweiser, wie man selbst zu einem besseren Menschen wird? Klingt egoistisch.“

„Wenn nichts von den Anderen und alles von sich selbst zu erwarten egoistisch ist, ja dann ist Glaube der ultimative Egoismus.“

Applaus.

Stone nahm einen Schluck Wasser. Höchste Konzentration hatte seine Stirn in Falten gelegt. „Was mich nun noch interessieren würde ist, wie der Messias in unserem Informationszeitalter und der Globalisierung zu den anderen Weltreligionen steht? Was halten Sie vom Hinduismus, vom Islam, vom Buddhismus – und nicht zuletzt vom Judentum? Denn gerade letzteres hat Sie doch regelrecht verraten! Wie können Sie den anderen Religionen Gültigkeit zubilligen, wo alle von anderen einzigen Wahrheiten sprechen? Stichwort: Es gibt nur einen Gott?“

Carfield lächelte. „Sie lassen auch wirklich nichts aus. Sagen wir es so: Wäre die Welt eine WG, so hätten ein wahrhaft gläubiger Christ, ein wahrhaft gläubiger Jude, ein wahrhaft gläubiger Moslem, ein wahrhaft gläubiger Buddhist und ein wahrhaft gläubiger Hinduist kein Problem damit, zusammen zu wohnen. Sie könnten jeden Abend über Ihren Glauben diskutieren, mal ruhiger, mal hitziger, ohne aber jemals in einen echten Streit zu geraten und ohne, dass je einer von seinem spezifischen Glauben abkäme.“

„Na ja, wenn ich mir da so einige radikale Gruppen besehe, dann…“

„Wie ich schon sagte: Wahrhaft gläubig. Nicht der verirrte Fanatismus oder der von einer Obrigkeit oktroyierte Gesellschaftsglauben, sondern der Glaube der Quelle. Sie werden feststellen, dass alle fünf WG Bewohner, obgleich sie sich anderen Begriffen unterworfen haben, harmonisch zusammenleben. Denn die Grundprinzipien sind immer und immer und immer dieselben. Wahrer Glaube ist pure Menschlichkeit. Andere Worte formen einen anderen Weg, das ist nur verständlich, aber das Ziel bleibt dasselbe, bis in alle Ewigkeit.“

„Und das wäre?“

Carfield beugte sich mit schiefem Mund vor. „… Harmonie. Innerlicher und äußerlicher Harmonie. Nennen Sie es Eden, nennen Sie es Nirvana, nennen Sie es Henrietta wenn sie wollen. Es bleibt dasselbe.“

Stone nickte und setzte ein schräges Grinsen auf. „Doch meine Frage haben Sie mir letztlich nicht beantwortet.“

„Sie wollen ein ‚Die Buddhisten liegen falsch!’ hören? Sie wollen ein ‚Die Juden werden für ihren Verrat bezahlen!’ hören? Dann haben Sie mir wirklich schlecht zugehört. Es gibt keine Antwort in Worten darauf. Es gibt keine Antwort, weil es keine Bedeutung hat, weil die Frage sinnlos ist. Ich sage Ihnen, ich bin Gottes Sohn, ich glaube fest an seine Allmacht. Ich werde für die Sünden der Menschen sterben und bis dahin alles daran setzen, ihren Geist aus der Apathie der Verunsicherung zu befreien. Gott liebt jeden Menschen, doch der Glaube an ihn ist kein Wertbrief, der an der Pforte zur Ewigkeit gezahlt werden muss. Der Glaube ist für dich, nicht für ihn. Er ist ein Privileg und keine Pflicht. Es ist belanglos, ob du ein Buddhist bist oder ein Christ, ob du zu Shiva betest oder zu Allah, ob du Judenlocken trägst oder eine Glatze, wichtig ist nur eines: Dass du das Richtige getan hast in deinem Leben. Dass du ein guter Mensch warst. Harmonie, Sie erinnern sich? Dass du ein Leben geführt hast, das vor dir selbst und anderen Bestand hat.“

Stone setzte sein Wasserglas ab. „Schön und gut, aber was ist mit den Leuten, die nicht das Glück hatten, die Lehren Gottes oder Buddhas gezeigt zu bekommen? Woher sollen Sie wissen, was richtig ist?“

„Jedes Lebewesen im Universum weiß von alleine, was richtig ist. Ihr Gewissen ist nichts anderes als ein universeller Kreiselkompass, der Ihnen zu jeder Stunde den richtigen Weg weist.“

„Und was ist mit Verbrechern? Menschen, die wissentlich Böses tun?“

„Kämen sie vor das himmlische Gericht, so wüssten sie genau, was sie im Leben Falsches taten. Sie entscheiden sich an gewissen Punkten ihres Lebens einfach, gegen ihr Gewissen zu gehen, weil es ihnen der angenehmere, oder der erfolgversprechendere Weg scheint.“

„Und mit welcher Strafe hätten sie dafür zu rechnen?“

„Die Strafe, die sie sich selbst verdienten.“

„Ah… ha. Und wenn das Verbrechen nun nicht als solches gewertet wird? Ein Psychopath beispielsweise?“

„Wir reden von einem kranken Menschen.“

„Aber er hat unwiderruflichen Schaden in die Welt gebracht!“

„Würden Sie einen Magenkrebspatienten dafür bestrafen, dass er sich auf ihrem Teppich übergibt?“

„Nein, aber…“

„Auch nicht, wenn der Teppich ein Einzelstück war, unbezahlbar und irreparabel?“

„Natürlich nicht Gil, schließlich kann er nichts dafür, aber…“

„Und so ist es mit dem Geisteskranken.“

„Sie vergleichen die Vernichtung eines Teppichs mit beispielsweise einem Mord?“

„Nein. Ich vergleiche Krankheit mit Krankheit und Schmerz mit Schmerz.“

 

Musik wurde eingespielt. Stone – von der Debatte in seinen Bann gezogen – machte sich von seiner Anspannung frei, drückte sein Ohrmikrofon tiefer in die Muschel, nickte, und sagte dann mit Blick zu Publikum: „Und schon ist es Zeit für ein wenig Werbung. Und nach der Werbung sehen Sie bei uns unseren dritten Gast, eine scharfe Kontroverse und natürlich weiterhin unseren Shootingstar Gilliam Carfield! Bleiben Sie dran.“

Die Musik ging in eine Werbeankündigungsgrafik über.