Messias Vol. II
Kapitel 4 online lesen


In Kapitel 4 der Story „Messias Vol. II“ konfrontiert der Moderator Johnny Stone den selbsternannten Messias Gilliam Carfield mit einem Repräsentanten der Neuen Unikonfessionellen Kirche, dem streitbaren Bischof Herzheim. Und als wäre dieser Zusammenstoß nicht genug, soll Carfield auch noch ein Wunder vor laufenden Kameras wirken. Viel Spaß beim Lesen!

IV

»Mit Schlack bleiben Sie auf Zack! Denn nur Schlack hat, was Sie wirklich brauchen!« Das wunderschöne Mädchen lief mit geschmeidigen Sprüngen über das Wasser eines Bergsees, und mit erdbebentiefer und himmelhochmotivierter Stimme sprach der Mann weiter: »Mit einem Energie-Leistungsverhältnis von zwei zu 188 000 sprengen Sie jeden Rekord, bei gerade einmal 3G!« »Und nur sechs Einheiten Neutroglycin-Plus* auf einem Kilo!«, ergänzte das am Ufer angekommene Mädchen freudenstrahlend. Ein heller, farbiger Blitz, die Musik aufdrehend wie der Motor eines Hochleistungswagens. Der Mann wurde eindringlicher: »Schlack und Schlack Premium gibt es in allen Farben** und zu jedem Preis.« »Ich gehöre dazu, seit Schlack!«, lachte der brillenpickelige Junge in einem Meer jubelnder Menschen. »Mit über drei Millionen verkauften Litern und einem Neutral Market Research Zielgruppen-C-PopQuot™ von 8.1*** ist Schlack überall dort, wo du bist!« Der hagere Mann mit aufreizend spiegelnder Brille hielt, von dämonischem Licht grinsend bestrahlt und schwerer Schnellmusik beschallt, Liter und Liter von geschmackvollem, formnahen, von einfach wunderbarem! wunderbarem! Schlack! in den Händen, es rann gierig durch die Finger, glitzerte und schlabberte, ein neuer Griff, neue Kraft, er grinste und winkte und… Schlack. Denn mit Schlack bleiben Sie auf Zack.

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* geschützter Name nach mindestens sieben Urhebergesetzen
** bei Jetzt-Bestellung auch in den Formen weich, hart und flüssig
*** Stand nach Tageszeit signifikant schwankend

 

Robert schaltete den Ton ab. Ein ganz merkwürdiges Gefühl hatte Besitz von ihm ergriffen. Wenn er diesen Carfield reden hörte, war es, als existiere die Welt um ihn herum nicht. Es gab nur Robert und ihn. Alles klang plötzlich so einfach, so logisch und klar; und Robert fragte sich, wie beschränkt man sein musste, um die Welt um ein so Vielfaches komplizierter zu sehen. Mit diesem neuen Funken belebt, fiel ihm das Warten auf den nächsten Block plötzlich unglaublich leicht. Mit Elan zog er seine Anti-Werbe-Lektüre von SBF™ (Selling Book‘s Friend) unter der Couch hervor und begann, nach seiner Lesemarkierung zu suchen. Er nickte zufrieden. Es stand eine Geschichte von Richard Morgan an, dem neuen Vertragsschreiber von Mykesoft. Diese Lektüren waren eine ungeheuer praktische Erfindung, da sie – auf Grundlage einer durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit – exakt genormte Kurzgeschichten bereithielten, die einen Standardwerbeblock, und keinen Moment mehr, zu überbrücken vermochten. Als »block stories« hatten die Erzählungen bereits Eingang in die Literaturgeschichte gefunden, und da es sich kaum ein bekannter Autor – der üppigen Honorare der Sponsoren zum Dank – nehmen ließ, seinen Beitrag zu jenem Multi-Mikro-Universum zu leisten, erfreuten sie sich höchster Popularität. Da störten die kleinen Anzeigen an den Rändern auch nicht mehr…

Er war trotz seines verspäteten Einstiegs rechtzeitig zum zweiten Teil der Johnny Stone Show fertig – ein schneller Leser. Der Inhalt war auch ganz nett.

»Und hier sind wir wieder bei der Johnny Stone Show und unserer Sendung ›Zwischen Sein und Schein‹!«

Tosender Applaus. Auf der Bühne fanden sich Carfield und Stone wieder.

Dieser erklärte, als es die Lautstärke zuließ: »Wie der aufmerksame Zuschauer bemerkt hat, haben wir unseren Gast Herrn Jesus von Nazareth verabschiedet. Er hatte noch einen dringenden Termin.« Seine Miene verriet Spiellust, und das Publikum lachte kurz auf. »Doch nun zurück zum Thema. Gil, eine Frage beschäftigt mich schon seit Sie vor drei Wochen an mich herangetreten sind.«

Carfield spülte sich den Mund mit einem Schluck Wasser, atmete dann zufrieden durch und bat darum, dass Stone losschießen möge.

»Wie kann ein so verruchtes Mittel wie das Fernsehen einem so heiligen Zweck wie der Verbreitung der göttlichen Lehre dienlich sein?«

»Sie gehen zu hart mit sich ins Gericht, John.«

Stone ließ sich nicht beirren. »Seien wir ehrlich. Die Medien haben, egal wie tief sie in unserer Gesellschaft verankert sind, ihr Fett weg. Sie sind zum Boten des Kitsches verkommen. Wie sieht das denn aus, wenn der Sohn Gottes zwischen Hausfrauenklatsch und Seifenwerbungen emporsteigt?«

Carfield ließ sich mit der Antwort viel Zeit; Zeit, die er für einen fast genüsslich eindringlichen Blick gebrauchte. Das Publikum wurde unruhig. Es war schwer zu sagen, ob er sein Schweigen zum Finden einer passenden Antwort benötigte oder einfach nur, um die Spannung ins Unermessliche zu steigern.

»Dazu stelle ich Ihnen eine Gegenfrage: Wenn die ultimative Wahrheit, der Kern der Menschlichkeit sozusagen, auf eine Supermarkttüte gedruckt würde, und wenn Ihnen die Worte einleuchtend wären: Würden Sie dieser Wahrheit nur deswegen weniger Gültigkeit zubilligen, weil sie neben dem Slogan einer Supermarktkette erscheint? Und weil hinter den Worten gefrorene Rippchen und Konservendosen transportiert werden? Wäre die ultimative Wahrheit deswegen weniger wert?«

»Nun Gil, ich finde, in dem Fall wäre es doch enorm interessant, zu erfahren, wieso diese Supermarktkette solche Worte abdruckt.«

»Tut das irgendwas zur Sache? Wenn dadurch die Wahrheit ans Licht kommt, und sich rasend schnell unter Millionen Menschen verbreitet?«

»Ich denke schon, dass die Absicht zu hinterfragen ist.«

»Wahrscheinlich erhoffte sich die Kette dadurch einen Populationsgewinn – immerhin macht es sich gut, die Anleitung zu einem besseren Leben abzudrucken.«

»Da haben wir es ja schon. Egoistische und wenig edle Ziele.«

»Aber schmälert das denn den Effekt, den heilsamen?«

»Wissen Sie, Gil, wir leben in einer Welt, in der man sich nur noch auf sich selbst verlassen kann. Ich bin auf mein eigenes Urteilsvermögen angewiesen. Und wie sollte ich die trügerischen Dinge von den wahrhaftigen unterscheiden, wenn ich zur Beurteilung nicht mehr das Mittel betrachten darf, was zum Zweck gehört?«

»Indem Sie mehr auf Ihr Herz hören.«

»Das klingt etwas platt.«

»Für Sie vielleicht, John. Weil Sie eben nicht auf Ihr Herz hören. Ich will mit alledem nur eines sagen: Nicht die Medien sind böse. Im Gegenteil. Sie können Menschen verbinden, den Horizont erweitern, Klarheit schaffen. Medien sind Kommunikation. Es wäre sinnentbehrend gewesen, sie nicht zu nutzen, um den Menschen etwas Gutes und Richtiges nahe zu bringen. Und eines können Sie mir glauben: Hätte es damals Radios und VisuWalls gegeben, ich hätte sie ganz bestimmt benutzt.«

Undefinierbares Gemurmel im Publikum.

»Sie wollen damit sagen: Bedeutungen bedeuten nichts?«

Carfield nickte gutlaunig. »Wunderschön verschlagwortet, John. Bedeutungen sind eine Ansammlung von Interpretationen, die in erster Linie einem Zweck zugutekommen: Der Bildung einer Schablone. Bedeutungen vereinfachen den Menschen das Leben, sie helfen zu kategorisieren. Man greift auf vorhandene Muster zurück, spart sich eine intensive Auseinandersetzung mit der Materie und stellt außerdem sicher, dass man die gleiche Sprache wie alle anderen spricht. Ich will ehrlich sein: Der Mensch braucht Bedeutungen. Sein Verstand und alles danach kommende, sein Denken, seine Sprache, seine Gesellschaft basieren auf Bedeutungen. Er wird sich nie gänzlich von ihnen lösen können. Doch er kann es anstreben, und sei es nur der Versuch. Denn Bedeutungen fahren fest. Sie beschränken – sie beschränken Geist und Handeln gleichermaßen. Sie können verhindern, ein gutes Mittel zu einem guten Zweck einzusetzen. Man kennt hier sicherlich den Spruch ›Befreien Sie Ihren Geist‹ aus unzähligen Filmen und aus der Literatur. Nun für jeden, der diesen guten Rat bislang noch nicht zu befolgen wusste, hier ein erster Schritt: Befreien Sie sich von Bedeutungen.«

Stone hatte mittlerweile ein Klemmbrett hervorgeholt und interessiert die Blätter überflogen. »Das heißt bestimmt auch, dass das zwölfköpfige Managerteam hinter Ihnen, die rund siebzig Promoter vor Ihnen und der knapp sechshundert Millionen Points schwere Werbeetat aus unbekannten Quellen unter Ihnen ebenfalls nichts bedeuten?«

Eine fast peinliche Stille kehrte ein; das Publikum wagte kaum, zu atmen.

Carfield hingegen schien ungerührt. »Stimmt. Ich bitte Sie, John, was erwarten Sie? Aus Ihren Fragen zu schließen sicher nicht, dass der Sohn Gottes als wandelndes Fernsehbild wiederkehrt.« Verhaltenes Lachen in allen Reihen. »Die Medien sind ein Apparat, der bedient werden muss. Ich komme nicht von alleine auf die VisuWalls der Menschen. Ihnen wäre es sicherlich lieber gewesen, wenn mich die Medien ›rein zufällig‹ entdeckt hätten, irgendwo in einem abgeschiedenen Bergdorf – wunderbar charismatisch, aber offensichtlich völlig unwillig, sich der ›Bestie‹ Medien hinzugeben. Sie würde mich dann nichtsdestotrotz verschlingen, wie wir das bereits gewohnt sind, und – schwupps! – hätten wir einen von den Medien erschaffenen, aber natürlich völlig unschuldigen Helden, der dem allgemeinen Bild eines wahren Heilsbringers schon viel eher entspricht.«

»Sie werden sich eingestehen müssen, Gil, dass dieser Weg etwas mehr von einer göttlichen Intervention hat als der von Ihnen gewählte.«

»Und wenn Sie mich fragen, John, ist das der Weg einer französischen Hure.«

Aufgebrachtes Rascheln in der Sekunde der Stille.

»Gib dich mit Schmollmund unnahbar, und schlag zu, wenn das Verlangen des Freiers unstillbar geworden ist. Ich halte das für eine gemeinere Methode als diese hier.«

»Diese Stelle ist ein guter Punkt, um unseren dritten Gast vorzustellen. Ich bin mir sicher, dass er Ihnen einiges hinsichtlich Ihrer Vorstellung von Bedeutungen und Mediengebrauch zu sagen hat. Meine Damen und Herren, begrüßen Sie recht herzlich mit mir – Bischof Herzheim von der Neuen Unikonfessionellen Kirche!«

Applaus und erneuter Dampf, der aus der Plastikkulisse entstieg. Ein korpulenter, älterer Herr mit borstigem Bart und würdevoll-roter Robe schritt den Kameras entgegen, um schließlich gleichsam würdevoll neben dem Moderator Platz zu nehmen. Der Bischof.

»Vielen Dank, Euer Exzellenz, dass Ihr unserer Einladung trotz Eures vollen Terminkalenders nachgekommen seid.«

Der Bischof hob wohlwollend die Hand. »Ich hielt es für meine heilige Pflicht, im Namen der Kirche Klarheit zu bringen in diesen Tumult der letzten Wochen.«

»Und dafür werden Sie alle Gelegenheit haben. Der selbsternannte Messias steht Euch heute–«

»Bitte. Eines möchte ich klarstellen. Ich bin nur bereit, mit Mister Carfield in einen Dialog zu treten, wenn er seine anmaßenden Behauptungen bezüglich seiner Herkunft unterlässt. Diese Lästerung kann ich mit meinem Glauben nicht vereinbaren.«

Stone sah Carfield fragend an, und bekam ein leises Lachen zu hören, vor dem Bild unbeschwerter Augen. »Mein Bruder, diese Bitte hättest du mir auch persönlich stellen können, ich sitze direkt neben dir. Wenn es dir nur darum geht, dass ich von meiner Herkunft nicht spreche, so will ich dir diesen Gefallen gerne tun, sie aber zu leugnen wäre ein Verrat an meinem Vater und mit meinem Glauben nicht zu vereinbaren.«

»Unerhört! Umgangsformen scheinen Ihnen fremd zu sein. Hat man Ihnen etwa dort, wo Sie herkommen, keinen Respekt gelehrt?«

»Oh doch, sehr viel sogar. Respekt gegenüber jedem Mensch und jedem Tier der Schöpfung. Einen Respekt, der dir allerdings zu fehlen scheint, wenn du dich über den anderen siehst. Zehn Minuten.«

»Eine böswillige Unterstellung! John, so kann ich kein Gespräch im Sinne unseres Herren führen, der uns Friede und Bußfertigkeit lehrt.«

Stone berührte Herzheim sanft am Unterarm und bedeutete ihm, sitzen zu bleiben. »Meine Herren, Euer Exzellenz, ich bitte Sie: Führen Sie das Gespräch den Millionen Gläubigen zuliebe, die heute eingeschaltet haben und versuchen Sie, über Ihre Differenzen hinwegzusehen.«

Der Bischof nickte widerwillig. »Weil ich es meinen Kindern dort draußen schulde.«

Stone wandte sich zu Carfield, der ein wenig ratlos dreinschaute. »Natürlich.« Und mit einer angedeuteten Kopfbewegung fügte er hinzu: »Ich wollte dich übrigens in keiner Weise beleidigen. Wenn du das so aufgefasst haben, tut es mir leid.«

»Ich vergebe dir, mein Sohn.« Der Bischof gab ein gönnerhaftes Lächeln preis und streckte Carfield die Hand mit seinem imposanten Rubinring entgegen. Anstatt sie zu küssen, gab Carfield ihm allerdings kameradschaftlich seine eigene.

Stone lenkte geistesgegenwärtig ein. »Euer Exzellenz, was das Publikum sicher interessiert ist die Frage, wie die Kirche prinzipiell zu einer möglichen Rückkehr Jesu Christi auf Erden steht.«

»Als offizieller Vertreter der Neuen Unikonfessionellen Kirche kann ich Ihnen folgende Wahrheit übermitteln: Die Wege des Herrn sind unergründlich. Unser allmächtiger Herr ist zu allen Taten fähig, und das schließt selbstverständlich auch eine Wiederkehr seines Sohnes ein. Aber, und hier liegt das eigentliche Problem: Wie sollten wir darauf kommen, dass gerade diese Mediengestalt«, er hob seinen Arm Richtung Carfield, »dieser Blender und Manipulator, der sich durch seine Medienauftritte zu seinem eigenen Gott hochstilisieren will, tatsächlich der Sohn unseres einzigen und wahren Herren ist? Was haben wir schon außer seinem eigenen, zweifelhaften Wort? Sind dem Volk seine wahrhaftigen Ziele denn nicht allzu offensichtlich?«

Stone schüttelte den Kopf. »Nun, Euer Exzellenz, ganz offensichtlich nicht, denn sonst hätten wir nicht diese landesweite, ach was rede ich, diese weltweite Kontroverse!«

Der Bischof schüttelte den Kopf. »Für die Kirche gibt es keine Kontroverse. Wenn überhaupt, und die Kirche tut sich selbst mit dieser Einordnung schwer, entspricht Mister Carfield einem anderen, wesentlich dunkleren Akteur aus der Bibel. Nämlich niemand anderem als dem Antichristen persönlich.«

Das Publikum schrie regelrecht auf, teilweise aus blankem Entsetzen, teilweise aus entfesselter Zustimmung.

Genüsslich fuhr der Bischof mit einem bebenden Bibelzitat fort: »›Wenn dann jemand zu euch sagt: Seht, hier ist der Messias!, oder: Seht, dort ist er!, so glaubt es nicht! Denn es wird mancher falsche Messias und mancher falsche Prophet auftreten und sie werden Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, die Auserwählten irrezuführen.‹ Es war Jesus selbst, unser aller Herr, als dessen Wiedergeburt Sie sich so schamlos ausgeben, der uns vor Ihresgleichen gewarnt hat.«

In just diesem Moment schaltete sich Carfield wieder ein: »Das heißt, du schließt von vornherein aus, dass ich der Sohn unseres Gottes auch nur sein könnte? Ich falle aus dem Pool möglicher Kandidaten heraus, weil der Kirche meine Methoden zuwider sind? Weil eine tausende Jahre alte Textpassage allgemein davor warnt, dass es auch immer Scharlatane gibt? Sage mir, Bruder: Sollte wahrer Glauben nicht öffnen anstatt zu schließen und sollte er nicht Möglichkeiten auftun anstatt sie zu verbauen?«

Ein schwächelndes Lächeln. »Natürlich, Mister Carfield. Und auch blind machen, nicht wahr? Was Sie hier tun, ist, die Eigenheiten des Glaubens gegen ihn auszuspielen, und das mit einer solch sadistischen Genugtuung, dass es einem Mann Gottes schmerzt. Sie sind informiert, sicher, und auch gebildet und gewandt. Aber das macht Sie noch längst nicht zu Gottes Sohn.«

»Dann sagen Sie mir doch einfach, was mich zum Sohn Gottes machen würde.«

Der Bischof stierte Carfield entgeistert an. »Es gibt kein Einmaleins der Göttlichkeit. Doch das Eine kann ich Ihnen sagen: Sie vertreten nicht die Vorstellung des Glaubens, den Gott einst schuf.«

Carfield blieb unverwandt. »Wieso?«

»Jeder, der Ihre Betonpredigt vernommen hat – alleine dieser Name! – weiß, dass Sie nicht von Gottes Weg sprechen, sondern von einem willkürlichen, selbst erdachten. Er vermischt die Ansichten sämtlicher Weltreligionen und neueren philosophischen Strömungen zu einem undefinierbaren New-Age-Fühl-Gut-Brei.«

»Und hältst du diesen Weg, diesen undefinierbaren New-Age-Fühl-Gut-Brei, für gut?«

»Das tut rein gar nichts zur Sache.«

Carfield seufzte. »Eigentlich tut das alles zur Sache. Und genau deswegen werde ich mich nie mit dieser Institution, die sich aus meinem alten Namen kräftigt, anfreunden können. Sie ist so sehr mit der Wahrung der Form beschäftigt, dass sie sich um die Wahrung der Substanz gar nicht mehr kümmern kann.«

Funkeln in den Augen des Gegenübers. »Ohne Regeln kein Bestand.«

»Ohne Freiheit kein Glaube.«

Patt. Schweigen.

Carfield, der es brach. »Verstehe mich nicht falsch. Regeln sind gut und wichtig. Die Menschen brauchen Regeln. Doch was sind Regeln schon? Ein Mittel zum Zweck. Regeln verfolgen ein Ziel. Wir können sie mit einer Bedeutung vergleichen: Sie fassen einen Sachverhalt in eine reduzierte Formulierung, um Menschen das Leben zu vereinfachen. Sie geben, wenn du es so willst, in kurzen Worten die Konsequenz wider, ohne auf die Ursache einzugehen. Sicher, einer schweigsamen Regel zu folgen zeugt von Vertrauen und sie auch unter persönlichen Widrigkeiten zu verfolgen ist ein Zeichen großer Charakterstärke – und das kann der richtige Weg zu Gott sein. Doch nur, wenn dieses Opfer auch einen Sinn ergibt! Ich frage dich: Warum sollte man sich das Leben künstlich schwer machen? Wenn man richtig lebt, ist es schwer genug. Die Menschen sollten nicht in der Strafe, sondern im rechten Handeln ihre Verbundenheit zu Gott zeigen. Bruder Herzheim, Regeln müssen hinterfragt werden. Man muss an den Zweck hinter der Regel glauben, nicht an die Regel um ihrer selbst willen. Wenn der Sinn der Regel verloren geht – warum sollte man ihr weiter folgen? Ein Beispiel: Keinen Sex vor der Ehe. Wieso? Weil es eine Zeit gab, in der Geschlechtskrankheiten unverhütbar waren und Kinder das Licht der Welt erblicken konnten, deren Eltern nicht die nötige Reife für diese Verantwortung besaßen. Es war eine gesellschaftliche Institution nötig, um Sicherheit für eine junge Familie schaffen zu können. Doch diese Zeiten sind vorüber. Wenn überhaupt, sollte das Gebot lauten: Du sollst keinen Sex ohne Verhütungsmittel haben, es sei denn, du willst das Kind und kannst dafür sorgen.«

Die Geräuschkulisse, die sich im aufwallenden Ton und aufgeregten Bilderschnitt offenbarte, bedurfte keiner Anweisungstafeln – sie schrieb sich selbst in die Luft. Doch es war keine feindselige, keine befremdete, keine negative Empörung.

Selbst Stone konnte sich eines höhnischen Lächelns nicht erwehren. »Das aus dem Mund des Messias zu hören, ist erfrischend.«

»Schauen Sie sich die Betonpredigt an, und Sie–«

»Das ist das Gottloseste, was ich in dreißig Jahren Dienst im Namen unseres Herrn vernommen habe«, sprach der Bischof langsam und bestimmt, als habe ihn der Schock, und nicht etwa die Ratlosigkeit bis jetzt schweigen lassen.

»Wieso, mein Bruder?« Carfield, unbekümmert wie immer.

»Weil Gottes Pfad keine Diplomarbeit in Ökonomie ist!« Der Bischof schrie, zumindest im Spektrum eines geistlichen Redners. Doch er mäßigte sich. »Wir befolgen die Regeln Gottes, weil wir Vertrauen in sein Wort haben, und nicht, weil sie uns gut dünken! Sie haben bewiesen, dass Sie rein gar nichts vom Glauben verstehen!«

Carfield beugte sich vor. »Die Regeln, von denen du sprichst, sind die Regeln deiner Institution und der deiner Vorgänger, nicht unseres Gottes. Denn–«

»Unerhört, wie können Sie solche verleumderischen–«

»Lass mich bitte zu Ende sprechen. Denn sehe: Wie könnte Gott heute noch Regeln formulieren, wenn er die Menschen schon seit so langer Zeit der Mündigkeit übergab und ihren Lebensweg ihrem eigenen Willen überließ? Deine Institution biegt es sich, wie sie es braucht: Geschah großes Übel, eine Ungerechtigkeit, bei der Gott hätte intervenieren müssen, so heißt es: Gott gab den Menschen den freien Willen, damit sie selber wählen. Doch geschieht etwas Wunderbares, so war dies Gottes Werk, also ein Wunder. Oder wie hier: Es ist Gottes Regel, die er selbstverständlich über seinen selbsterklärten Stellvertreter auf Erden verlauten ließ – es sei sein Wille. Ich möchte mich nicht über die historische Fadenscheinigkeit des Papsttums auslassen, das Thema ist ausgetreten genug, ich möchte im Namen meines göttlichen Vaters nur eines sagen: Er flüsterte den Päpsten zu keinem Punkt der Geschichte seinen Willen ins Ohr.«

»Sie machen doch in diesem Augenblick genau dasselbe. Wer ernennt sich hier eigenmächtig, und wer spricht im Namen unseres Herrn?« Überlegenheit im Blick.

»Oh ja, Bruder Herzheim. Nur, dass ich vom Menschen erwarte, dass er selbst den richtigen Weg findet.«

»Und wie soll das ohne Regeln gehen? Welchen Weg, wenn die Wegmarken fehlen? Das heißt also, die Zehn Gebote sind auch hinfällig?«

»Du hörst mir leider nicht richtig zu. Ich sagte schon, dass Regeln wichtig sind. Nur, dass sie auch hinterfragt werden müssen. Die Zehn Gebote sind richtig, weil ihr Zweck richtig ist: Menschliches Leiden verhindern. Die Regeln deiner Institution hingegen, von denen die Menschen über die Jahrhunderte hinweg beherrscht wurden, verfolgten oft – nicht immer, aber oft – einen Selbstzweck.«

»Wir handelten stets im Sinne der Bibel im Versuch, ihre Gebote auf unsere Zeit zu übertragen. Oder wollen Sie nun auch gegen die Heilige Schrift hetzen?«

»Die Bibel ist von Gott inspiriert, nicht von Gott geschrieben.«

Ein aufwallender Sturm der Empörung, der vom Wolkentreiber unbeirrbar niedergerungen wurde.

»Die Menschen, die im Laufe der Zeit ihre Kapitel anfügten, waren ohne Frage gläubige und weise Menschen – und von Glauben und Weisheit wissen sie auch zu berichten. Nur lebten sie in einer Zeit, an einem Ort. Sie waren nicht losgelöst von den Dingen, die sie umgaben. Sie dachten und wirkten in dem Wesen, das in jenem Moment Gültigkeit besaß. Nur verändern sich die Dinge eben. Der Fehler, der nun gemacht wurde, war, diese Menschen beim Worte zu nehmen anstatt den Versuch zu unternehmen, hinter die Worte zu blicken.«

»Einige Dinge verändern sich nie. Der Glaube ist immer derselbe, das sagten Sie eben selbst.«

»Richtig. Der Glaube ist immer derselbe. Und genau der wurde in der ewigen Regelwälzerei vergessen. Ihr kamt zusammen und zusammen über Jahrtausende und fügtet die Regeln in neue Worte, neue Gesetze, in neue Regeln. Doch ihr wart so sehr damit beschäftigt, dass euch eines ganz entging: Die Regeln besaßen längst keine Gültigkeit mehr. Ja, die Bibel ist genauso zu hinterfragen wie alle anderen Dinge, die eure Institution im Laufe der Zeit zu Sakramenten stilisierte. Am meisten aber die Institution selbst.«

Der Bischof bäumte sich auf seinem Sitze auf. »Aber wir handelten doch stets im Sinne unseres Herrn! Die Sakramente sind seine Hinterlassenschaft! Der Wein, die Hostien, dein Blut, dein Leib, sollten wir ihm nicht in alle Ewigkeit gedenken?«

Der Bischof verstummte, als habe man ihm einen Dolch in den Rücken gestochen, die Augen weit aufgerissen. Totenstille.

»Ihr wart so sehr mit dem Essen beschäftigt, dass euch das Gedenken abhanden gekommen ist.« Ein durchdringender Blick, kühler Tadel von einer jenseitigen Welt.

Der Bischof sprang auf. »Unerhört, John, so kann ich einfach nicht… ich ertrage diese wandelnde Blasphemie nicht länger!« In der Stimme ein Zittern. Er wandte sich von Stones sanfter Berührung unwirsch ab und eilte davon, als stecke der Teufel persönlich unter seiner Kutte.

Ungerührt nickte Carfield schließlich, mit Blick auf seine Uhr. »Zehn Minuten.«

Und der Moderator war mit seinem Gast wieder alleine. Zusammen mit hundert Millionen Zuschauern.

Stone räusperte sich. »Eine sehr kraftvolle Performance, Gil, absolut. Aber um das gerade noch mal vor unseren Zuschauern klar zu stellen: Bischof Herzheim war zwar als Repräsentant der Neuen Unikonfessionellen Kirche eingeladen, aber er war eben doch nicht der Papst. Bewerten Sie seine Meinung also bitte nicht über. Gut… ähm… kommen wir auch gleich zu unserem letzten Gast, die Debatten haben unsere Sendezeit fast aufgebraucht. Vielleicht ist dieser Gast mit seinem Anliegen der vielleicht entscheidende für die zahllosen Zweifler da draußen. Meine Damen und Herren, begrüßen Sie mit mir recht herzlich Martin Alfons!«

Automatisierter Applaus. Wer war dieser Martin Alfons? Keine Größe der Öffentlichkeit, soviel stand fest. Als er aus dem Plastikreich entstieg, war alles klar.

Er musste von einem Assistenten zum Tisch geführt werden. Unbeholfen streckte er seine Hand aus, die Stone prompt ergriff.

»Herzlich willkommen, Mister Alfons.« Er nahm ihn aus der Obhut des Assistenten und führte ihn an der Hand, so, dass er dicht vor dem freien Stuhl zum Stehen kam.

»Es ist mir eine Ehre, hier sein zu dürfen.« Alfons nahm Platz und rückte nervös seine verspiegelte Brille zurecht. »Wo ist er?«, rang er sich schließlich ab, den Kopf nach oben geneigt.

»Mister Carfield, nun, der sitzt direkt neben Ihnen. Darf ich Sie einander–«

Alfons warf seine Hand aufgeregt in die Luft vor ihm. Carfield ergriff sie wohlwollend mit beiden Händen.

»Mister Carfield, es ist mir eine so große Ehre, Sie treffen zu dürfen!«

Er fixierte sich auf eine der beiden Hände, ergriff sie mit seiner zweiten, und beugte sich vornüber zum Handrücken, um ihm einen Ehrenkuss zu geben. Er strahlte über das ganze Gesicht; fast, dass die Verspiegelung der Brille mitgelacht hätte.

»Was fehlt dir, mein Bruder?«, fragte Carfield in sanftem Ton.

»Oh wisst Ihr, ich–«

Stone fiel ihm ins Wort, die Augen auf die Kamera gerichtet. »Mister Alfons leidet an der berüchtigten televisuellen Optikverzerrung, auch als Verstrahlung bekannt. Trotz intensiver Forschung gilt diese Krankheit, die eine totale Blindheit und Zersetzung aller Neuronenzentren zur Folge hat, als unheilbar.«

»So ist es«, pflichtete Alfons leise bei.

Carfield nickte stumm.

»Mister Alfons, könnten Sie unseren Zuschauern vielleicht die sichtbaren Symptome Ihrer Krankheit zeigen?«

»Natürlich.« Stumm hob er seine Brille an.

Ein rascher Schnitt hinüber zu einer Kamera, die ein besseres Bild erhaschen konnte. Es offenbarte sich eine unansehnliche, rötliche Färbung des gesamten Augapfels, die sich bis auf die Lider erstreckte und durchzogen war von einzelnen, weißen Fäden.

»Drei bedeutende Fachärzte haben uns bestätigt, dass dieser Fall hoffnungslos ist. Mister Alfons erwarten noch höchstens sechs Monate Lebenszeit.«

»Ich leide seit so vielen Jahren an diesem Gebrechen. Ich will endlich erlöst werden!« Er klang nicht verzweifelt, eher hoffnungsvoll.

»Dann sagen Sie unserem Publikum, was Sie sich von Ihrem heutigen Besuch erhoffen.«

»Ich erhoffe mir Heilung! Ich erhoffe mir, dass mich der Messias von meinem Leiden erlösen wird!«

»Sie glauben also, dass Mister Carfield der wahrhaftige Sohn Gottes ist?«

»Oh ja, daran glaube ich!«

»Sie haben es gehört, verehrte Damen und Herren. Ein echter Gläubiger, live in der Show und live bei dem Menschen, dem sein Glaube gilt. Nun Gil, wie steht’s? Wollen Sie diesem hilfsbedürftigen Menschen seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen?«

Carfield hatte mittlerweile beide Hände Alfons’ ergriffen und flüsterte ihm tonlose Worte ins Ohr. Er ignorierte Stone, der dies seinerseits elegant zu überspielen wusste.

»Ja, meine Damen und Herren, um es noch mal in aller Deutlichkeit zu sagen: Hier und heute, vor Millionen von Zuschauern, wird nicht weniger als ein handfestes Wunder von Gilliam Carfield gefordert, ein Beweis seiner göttlichen Gabe. Er soll einen unheilbar Verstrahlten von seinen Qualen befreien!«

Stone war laut geworden. Sein Ton, sein Plädoyer – alles wies auf eine perfekt abgestimmte Falle hin, in die Carfield unausweichlich gedrängt werden sollte, wenn alle anderen Maßnahmen versagten.

»Gilliam, für alle Zweifler und nicht zuletzt für Martin selbst – werden Sie heute Abend ein Wunder wirken? Oder fehlen Ihnen die heilenden Kräfte, die Jesus von Nazareth zum Mythos machten?«

Carfield ließ schließlich von Alfons ab, nachdem er ihm ein letztes Mal sanft den Arm getätschelt hatte. »Um es gleich vorweg zu nehmen, John: Egal, was ich heute Abend tue, die Zweifler, von denen Sie reden, werden weiterhin Zweifler bleiben. Denn wahrer Zweifel ist genauso unerschütterlich wie wahrer Glaube. Er tut nur so, als basiere er auf Rationalität; in Wahrheit aber wird er aus genauso tiefen Quellen gespeist wie der Glaube selbst. In gewisser Weise ist es sogar ein eigener Glaube für sich, ein verkehrter, negierender, zerstörerischer Glaube. Mit Argumenten ist ihm nicht beizukommen.«

Ein verständnisvolles, lauerndes Lächeln. »Das heißt, Sie werden kein Wunder wirken?«

»Ich kann wieder sehen! Ich kann wieder sehen! Lobet den Herren! Ich kann wieder sehen! Lobet den Herren!«, brüllte Alfons wie von der Tarantel gestochen, sprang auf, schrie vor Überraschung, sah wie wildgeworden umher, weinte vor Freude. »Ich kann wieder sehen! Danke, mein Herr! Danke, danke, danke!« Er fiel vor Carfield auf die Knie und küsste seine Hand. Sein Blick ging ruckartig in die Kulisse, auf die Kameras, auf das Publikum. »Lobet ihn, lobet den Herren, denn er ist es, unser Messias, unser aller Heilsbringer!«

Carfield zog seine Hand zurück. »Was heute geschah, verdankst du einzig und alleine deinem Glauben. Gehe und erzähle allen von der Kraft, die du entdeckt hast.«

»Ja mein Herr. Ich will es genauso tun, wie du mir geheißen hast!« Er sprang auf, taumelte vor Wucht fast zurück.

Die Kameras konnten nur einen flüchtigen Blick auf Alfons’ Augen erhaschen, doch sie wirkten plötzlich weiß, strahlend weiß, mit Pupillen so schwarz und klar wie mondbeschienene Perlen.

»Danke auch Ihnen Mister Stone, vielen, vielen Dank!« Er schüttelte seinem Gastgeber aufgeregt die Hand, dann ging sein Blick eilig wie zuvor über die Kulisse. Offensichtlich entdeckte er, wonach er gesucht hatte, denn Momente darauf rief er nur noch, die Beine schon in Bewegung. »Ich muss los, muss weg, muss es allen erzählen!« Er eilte von der Bühne.

»Mister Alfons, warten Sie doch einen Moment… von hier können Sie es am besten…«

Schon war er raus aus den Kamerafangnetzen.

Dem Getuschel, das sich unterdessen in den Reihen des Publikums entfacht hatte, war mit den herkömmlichen Kontrollmechanismen nicht mehr beizukommen. Ab und zu huschten Animatoren durch das Bild, die Einhalt gebieten sollten und frei von tonverstärkenden Mikrofonen ihre Gesuche lautlos in das Kamerajenseits warfen.

Es half nichts, die Kulisse schwoll an.

Stone versank in seinem Sessel und presste sein Ohrmikrofon stärker in die Muschel. Hier und da schüttelte er den Kopf, hier und da gab er dem unsichtbaren Partner Paroli. Die Unruhe im Publikum schien er glatt zu überhören. Mit einem letzten Kopfschütteln machte er sich frei von den elektroinduzierten Beschwörungen.

»Ich verstehe das offen gesagt nicht…«, stammelte er los. »Sein Zustand ist von drei unabhängigen Experten bestätigt worden… und nun höre ich von der Regie, dass er gerade von unserem Studioarzt die Sehfähigkeit zugestanden bekommen hat… das ist unmöglich…« Stone hatte sich keine Mühe gemacht, das Publikum zu beruhigen. Seine Worte waren einfach in den Raum hinein gesagt worden. Doch es hatte gereicht; die Zuschauer waren wieder Zuschauer, still und gebannt.

»Wie sagte eine großartige Werbekampagne des letzten Jahrhunderts?«, meldete sich Carfield mit einem amüsierten Schmunzeln zurück, »Unmöglich ist nur eine Meinung.«

»Aber eine dreifach bestätigte! Das kann nicht sein!«

»Ich hätte die Ärzte bestechen können.«

»Wie das? Sie waren anonym. Wie hätten Sie das auch nur ahnen können!«

»Jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Vielleicht war das Team hinter Ihnen zu schwach.«

»Lächerlich. Wir reden hier von Aufwand und Risiko außerhalb jeder Vernunft!«

»Oder aber wir stecken unter einer Decke. Schon mal daran gedacht, John?« Carfield sah in die Kameras.

Empörung auf der Haut seines Gegenübers. »Wie können Sie nur solche Dinge behaupten, Gil? Sie selbst sollten es wohl besser wissen!«

»John, ich will damit nur eines sagen: Ihr kleiner Test heute Abend hat nichts bewirkt. Wahrer Zweifel wird durch Beweise nicht getilgt, wie auch wahrer Glaube durch deren Ausbleiben niemals erschüttert wird. Ich habe ein Wunder gewirkt und diesen Mann geheilt, doch die Welt ist dieselbe geblieben. Im Gegenteil, ich habe es nur noch verschlimmert: Die Zweifler werden nun noch mehr zweifeln.«

Stone nickte stumm in sich hinein. »Langsam verstehe ich…« Er wirke wie gelähmt. Widerwillig gab er die Befehle aus dem Ohr weiter. »Gil, wir befinden uns am Ende unserer Sendezeit. Wenn Sie abschließend noch etwas sagen wollen, tun Sie es. Ich wüsste nicht, was.«

Carfield lächelte ihm gutmütig zu und wandte sich dann an das Publikum. »Wahrer Glaube findet losgelöst von Zeit statt. Er kann morgen genauso entfacht werden wie vor zweitausend Jahren. Einen Ort, ein Zeitalter oder eine Gesellschaft, die Glauben negiert, gibt es nicht, gab es nie, und wird es niemals geben. Er wird tief im Inneren geboren, und die Worte, auf denen er hinaus gespült wird, bleiben immer nur dasselbe – Worte. Nicht ihnen gebührt der Wert. Gleichwohl ist es unsere menschliche Bürde, was uns bewegt über Worte deutlich zu machen. Unsere Bestrebung soll es also sein, die Kraft hinter dem Wort zu erkennen – was oft nicht weniger heißt, als eine Mauer blind zu durchlaufen. Doch dieser Weg wird uns in den Frieden führen – den höchsten und edelsten, den es gibt. Handelt danach, und Gottes Reich ist euer.«

Die bedeutsame Pause hierauf konnte kaum ausgeschöpft werden, ehe schon die ersten Töne der Erkennungsmusik und die ersten Elemente der Titelgrafik eingeblendet wurden.

»Das war die Johnny Stone Show mit der Sendung ›Zwischen Sein und Schein‹ mit Gilliam Carfield!«, plärrte der professionell-gutgelaunte Kommentator aus dem Jenseits. »Und nächste Woche sehen Sie…«, führte Stone die Amboderation kraftlos weiter, »… ach, was macht das schon für einen Unterschied. Schauen Sie im Programm nach.« Die Erkennungsmusik schwoll an; die Grafik spielte im Bild umher. Dann kam Werbung.