Messias Vol. II
Kapitel 5 online lesen


In Kapitel 5 der Story „Messias Vol. II“ versucht unser Protagonist Robert die eindrückliche TV-Show des vermeintlichen Heilands und Wunderwirkers Gilliam Carfield zu verdauen. Ein Gespräch mit dem zynischen Plakatkleber kommt ihm sehr gelegen, doch der weiß Roberts aufkeimenden Glauben wohl zu trüben… Viel Spaß beim Lesen! 

V

Robert schaltete die VisuWall ab. Carfield hatte Eindruck hinterlassen. Egal, welche Sendung danach gekommen wäre – sie hätte die Schwere seiner Worte mit keinem noch so geistlosen Geplänkel fortspülen können.

Ob er wohl Recht hatte?

Ob er der wahre Messias war?

»Sie brauchen Milch. Heute und Morgen im örtlichen Ultramarkt für nur zwei Points den Liter, Sonderaktion!«, dröhnte der Analysechip seines Kühlschranks, als er sich ein wenig Saft holen wollte.

»Ich warte auf die nächste Abonnement-Lieferung«, murmelte Robert verlegen.

»Haben Sie schon über einen Wechsel Ihres Abonnements nachgedacht? Ihr örtlicher Ultramarkt bietet Ihnen einen garantierten Preisnachlass von zehn Prozent gegenüber Ihrem aktuellen Abonnement bei identischer Leistung, und einer Mindestlaufzeit von nur drei Jahren!«

Robert verzog das Gesicht. Richtig. Sein Vertrag lief bald aus. Kein Wunder, dass die Konkurrenz ordentlich Gas gab. Nie wieder würde er einen unabhängigen, provisionsmotivierten Kühlschrank erwerben!

»Das ist Informationsnötigung, also halt den Mund, sonst verklag ich deinen Hersteller!«, zischte Robert, als sich der Kühlschrank weigerte, seine Tür zu schließen.

»Meine Informationen fallen unter den Schutz des Paragraphen der ›Persönlichen Ökonomie‹. Ist die vermittelte Information ein Vorteil für den Konsumenten im Sinne einer objektiv feststellbaren persönlichen Ökonomie, darf er auch gegen seinen Willen darüber in Kenntnis gesetzt werden, da persönliche Ökonomie auch gleichzeitig ein Vorteil für die allgemeine Ökonomie darstellt. Zehn Prozent Preisrabatt bei identischer Leistung ist ein Vorteil für den Konsumenten«, trällerte der Chip vor sich hin.

»Wenn ich den Kerl in die Finger kriege, der diese rotzigen Texte schreibt, dreh ich ihm den Hals um!«, presste sich die Wut in Roberts Verstand. Schließlich resignierte er aber und stapfte stöhnend aus dem Zimmer.

Keinen ruhigen Gedanken konnte man fassen! Doch dieses Mal hielt sich sein wortloses Kopfgebilde hartnäckig. Es war wiedergekehrt. Er – war wiedergekehrt. Carfield. Jesus? Die Worte wollten nicht verblassen. Was Robert über alle Maße hinaus stutzig machte, war die Feststellung, dass man gar nicht religiös sein musste, um dem Weg Carfields zu folgen. Kein Wunder, dass er der Kirche ein Dorn im Auge war. Dennoch; Carfields Worte zeugten von einem tiefen Glauben, einem Glauben an die Kraft im Menschen, einem Glauben an seinen Willen, an das Gute in seinem Inneren und an eine Macht außerhalb, die alles Restliche erledigen würde, wenn man nur die ersten Schritte tat. Ob dies alles zusammengenommen – Gott war? Ob mehr Religion hinter diesem Glaube steckte, als Robert lieb war? Ober ob das, was Robert als Religion auffasste, gar nichts mit dem zu tun hatte, was Carfield als wahren Glauben verstand? Er würde sich die CMC™ (Chip Memory Card) Mitschnitte der Betonpredigt ansehen, nahm er sich vor. Vielleicht machte ihn das schlauer. Aber etwas gefiel Robert nicht. Es klang alles – viel zu einfach. Wie die Werbung für das neueste Instant-Gericht-Verschlussverfahren: »Hast du Hunger ruck und zuck, geht’s mit einem Daumendruck!«™ Der Weg in die Erlösung musste schwieriger sein. Und überhaupt –

Er hörte ein Geräusch auf dem Flur. Schritte. Tatsächlich, es war schon wieder ein Monat vergangen! Seine Miene hellte sich auf. Gegen einen kleinen Plausch hätte er jetzt nichts einzuwenden. Zerstreuen. Oder vertiefen. Wohin der Weg auch immer führte. Er öffnete die Lieferklappe an seiner Haustür und spähte auf den Flur.

Da stand er wie jeden Monat, gerade damit beschäftigt, das alte Meta-Cola 6x2m Poster aus seinem Wandrahmen zu hieven, um Platz für ein neues zu schaffen.

Der Plakatkleber.

»Hallo da draußen! Alles in Ordnung soweit?«, rief Robert durch die Luke.

Der Plakatkleber, ein älterer Herr mit freundlichem Gesicht und abgewetzter Arbeitskleidung, drehte sich um und schenkte Robert ein warmes Lächeln. »Auch hallo. Jo jo, kann nich’ klagen. Viel zu tun die Tage, die Scheißdinger hängen sich nich’ alleine auf.«

Robert verrenkte seinen Kopf in der Hoffnung, einen Blick auf das neue, zusammengerollte Plakat erhaschen zu können. »Was haben Sie uns diesen Monat mitgebracht?«

»Überraschen lassen. Häng’ nur gerade das alte ab, und schon sehen Se was als nächstes kommt – und das ‘nen ganzen Monat lang, haha.« Er entfernte mehrere Haken am Rahmen. »Und selbst? Alles in Ordnung?«

»Na ja. Nicht wirklich – irgendwie.«

»Wie das?« Er setzte die Hakendemontage fort.

»Das ist das Problem. Ich kann nicht sagen, warum.« Er machte eine kurze Pause, und stellte fest, dass die Aufmerksamkeit seines Zuhörers noch nicht gewichen war – abgesehen von seinen Routinehandgriffen am Plakat. »Eben wollte mir mein Kühlschrank ein neues Abonnement aufschwatzen, und dann, als ich mit rechtlichen Schritten drohte, erklärte er mir, dass er aufgrund der Verbesserung meiner ›Persönlichen Ökonomie‹ dazu befugt sei.«

Der Plakatkleber nickte. »Ja, den Paragraphen kenn’ ich. Miss BubblegumExtra!™-Johnson drei Stockwerke tiefer hatte das auch mit ’ner Heizdecke.«

»Auf jeden Fall frage ich mich, ob da etwas nicht stimmen kann. Meinen Sie nicht auch, dass ›persönliche Ökonomie‹ etwas Persönliches sein sollte? Etwas, worüber man selbst bestimmen darf?«

Das Plakat fiel zu Boden, der Plakatkleber machte sich ans Aufrollen. »Hm. Ich weiß, was Se meinen. Se fühlen sich eingeengt und so. Aber Ökonomie ist da ‘nen ganz klarer Begriff. Wenn Se sich dagegen richten, handeln Se automatisch unökonomisch, und das is’ dann schlecht für die Allgemeinheit. Bumm aus. Es geht da gar nich’ um Ihr persönliches Wohl.«

»Ich weiß ja, ich weiß. Es war einfach das Gefühl, das mir übel aufgestoßen ist. Sie haben Recht. Ich fühle mich eingeengt. Mehr als das; ich habe das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Und wenn ich rausgehe, wird es nur schlimmer.«

Das alte Plakat war aufgerollt. Sorgfältig verstaute es der Plakatkleber und entrollte das neue. »Wissen Se, ich komm’ in meinem Job viel ‘rum, sprech‘ mit vielen Leuten und sowas. Se sin’ nich‘ der Einzige, der so empfindet. Gibt viele, die sich eingesperrt fühlen obwohl se überall hingehen dürfen. Aber was tun se dagegen? Nix. Sie ergeben sich nur in ihre Hilflosigkeit. T’schuldigung das mal so zu sagen.« Fertig. Das Plakat war bereit, aufgehängt zu werden.

»Nein, es stimmt ja. Aber vielleicht nur deswegen, weil wir nicht wissen, wie wir uns befreien können.«

»Jo, vielleicht. Oder Se kennen den Weg, wollen ihn aber einfach nich’ gehen. Manchmal ist’s bequemer zu ersticken als einmal tief Luft holen.«

»Kennen Sie Gilliam Carfield? Vorhin die Johnny Stone Show gesehen?«

»Jo, im Betrieb ein wenig. ’Nen ganz schöner Tumult, hat den Arbeitsplan um ‘ne Stunde verzögert.«

»Ich denke, das ist der richtige Weg. Für unsere Welt. Was meinen Sie?«

»Hm. Weiß nich’.« Er begann, das Plakat zu klammern. »Sicher ist das ’nen schlauer Mann, keine Frage, es ist nur so – Menschen wie Jesus oder Carfield verändern uns’re Welt nich’.«

»Meinen Sie das etwa ernst?«

»Ich mein’, so verändern, wie die sich das selbst vorstellen. Verstehen Se? Klar regieren heute Christen die Welt, und wer weiß, in hundert Jahren vielleicht ›Carfielder‹, aber was sin’ das heute für Christen? Carfield sagte es ja auch. Die haben nix mit dem alten Jesus zu schaffen. Seine Worte ham irgendwann mal auf einige Leute ‘nen Mordseindruck gemacht, und dann? Wurde nur noch die Sensation weitergetragen, und schließlich wurde sein Name zu ‘nem Werkzeug. Hat er die Welt deswegen zu ‘nem besseren Ort gemacht? Nö. Die düstersten Menschheitskapitel kamen erst danach! Ich bin ein großer Fan von Marty’s Frühstücksflocken Illustrierter Weltgeschichte™ und da sieht man es: Die größten Kriege, das größte Leid, die maßlosesten Ungerechtigkeiten kamen alle nachdem Jesus schon da gewesen is’. Klar, Christen gab es jede Menge. Aber hat die Welt nich’ besser gemacht. Und bei Carfield wird’s genauso laufen.« Das Plakat spannte sich allmählich.

Robert schwieg achtsam.

»’s Problem an diesen Leuten is’ einfach: Se wollen dich zu nichts zwingen. Se wollen, dass du es selber machst. Toll. Super. Verstehen Se mich nich’ falsch, ich finde auch, dass es so laufen sollte, aber so läuft es nich’. So funktioniert der Mensch eben nich’. Fehlanzeige. Der Mensch muss gezwungen werden, muss mit ’nem Tritt in den Arsch aus seiner Bequemlichkeit geprügelt werden. Un’zwar für beides: Zum Schlechten wie auch zum Guten. Das Schlüsselwort is’ nur ›Veränderung‹. Der Mensch hat ’nen Mordsschiss davor. Und nun sehen Se sich Marty’s Frühstücksflocken an: Es gab oft Veränderungen. Ich persönlich find’ ja schlechte häufiger als gute… aber jetz’ ma’ egal. Wie passierten die? Se wurden erzwungen. Durch Könige und Kaiser und Kriegsherren und Revolutionäre und, und, und. Die gaben den Menschen ’nen Tritt – oder zwei – und es hat geklappt. Nu’ halten die Guten da draußen aber dieses Mittel, den Zwang, für etwas Böses und Unrechtes! Daher setzen die Guten immer auf das falsche Pferd, den freien Willen, diesen hinkenden Gaul, während die Bösen mit ihrem Zwang schon Ehrenrunden drehen.«

»Jesus hätte also Tyrann werden und den Menschen seine Lehre von oben her oktroyieren sollen? So etwas gab es auch schon, und der Widerwillen der Unterdrückten brannte das Gute regelrecht hinaus aus den Worten.«

Der Plakatkleber zuckte mit den Schultern. »Dann wurde es nich’ richtig gemacht. Man kann Menschen so und so zwingen. Ein hochdemokratischer Staat ist auch nix anderes als ’nen großer Zwang, mit all seinen Gesetzen und so. Das Gute muss in ein System gepackt werden. Ein Apparat gerät seltener ins Stocken als die Motivation eines Einzelnen.«

»Aber genau das verurteilt Carfield ja! Dass das Gute systematisiert wurde, und infolgedessen der Sinn verloren ging!«

»Neee, systematisiert wurde nich‘ das Gute, sondern der Kult außenrum. Hätte Jesus selbst an der Spitze der Kirche gestanden, wäre alles ganz anders gelaufen.«

»Selbst wenn, was wäre das schon wert gewesen, ein erzwungener Samariterstaat? Es muss am Ende doch aus dem Menschen selbst kommen, die Wärme und die Güte! Kein System kann so etwas von außen her initiieren, egal wie durchdacht es ist! Am Ende kann dem Menschen seine Pflicht zum Gutsein nicht von einem Apparat abgenommen werden, es bleibt am freien Willen hängen!«

Der Plakatkleber beschäftigte sich mit der letzten Plakatecke. »Jo jo, Se ham ja Recht. So sollte es sein, das wäre das einzig wahre Himmelreich auf Erden. Aber so isses nich’! Wer sind denn bitte die Menschen, deren freier Wille diese Welt zu ’nem besseren Ort machen soll? Das sind doch Menschen wie Sie und Miss BubblegumExtra!™-Johnson und all die anderen Wohnungsbesitzer da draußen. Doch Se geben es selbst zu: Se sind nicht bereit, sich aufzuraffen und die Dinge zu verändern. Und bevor sich gar nix tut, dann doch besser ein Staat, der zumindest den Versuch einer Verbesserung unternimmt, oder nich’?«

»Aber ich sagte doch: Wir kannten bis vor kurzem gar nicht den Weg! Erst Carfield machte es möglich!«

Der Plakatkleber schüttelte traurig den Kopf. »Was hat Carfield schon gelehrt? Nix anderes als Jesus Christus vor zweitausend Jahren. Nur die Worte waren damals nich‘ so modisch. Se kannten den Weg sehr wohl. Und wenn das Beschreiten nur wegen ’ner angestaubten Formulierung gescheitert is’ – wird Carfields Medienkur auch nich’ mehr viel retten.«

Robert schwieg apathisch.

Der Plakatkleber war fertig, drehte sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder zur Tür, lächelte gutmütig, säuberte seine verklebten Finger an seinem Overall und meinte: »Aber was heißt das schon alles. Ich kann mich genauso gut irren – bin nur ’nen einfacher Plakatkleber, der viel rumkommt. Mehr nich’. Und überhaupt: Wahren Glauben kann so ein bisschen Zweifel auch nich’ erschüttern.«

Robert schwieg weiterhin. Schließlich machte er sich von seiner Lethargie los, blickte auf das Plakat und fragte – nicht ganz ohne Knoten im Hals: »Pespin Coke™? Seit wann können die sich wieder solche Werbeplätze leisten?«

Zu sehen war eine überdimensionierte Glasflasche mit schwarzbraunem Inhalt und blau-weißer Logoplakette vor einem steppenartigen Hintergrund; die Flasche von der gleißenden Sonne in ein goldenes Gelb getaucht.

»Oh, Pespin is’ wieder ganz groß im Kommen. Würd’ mich nich’ wundern, wenn se in ’nen paar Jahren sogar Meta-Cola den Markt streitig machen.«

»Kaum zu glauben…«, hauchte Robert. Doch in Gedanken war er längst woanders.

»’s ’nen ständiges Kommen und Gehen auf der Welt. Nur, dass es die einen leiser, die and’ren lauter machen. Das is’ auch mein Stichwort, ich muss dann mal weiter. Wie gesagt: Die Scheißdinger hängen sich nich’ alleine auf.« Er packte seine Sachen, den Arbeitskoffer und die alte Plakatrolle. »Bis zum nächsten Monat. Und vergessen Se nicht: Wahren Glauben erschüttert nix. Machen Se’s gut.«

»Machen Sie’s besser.« Robert schloss die Lieferluke. Der Standpunkt des Plakatklebers ergab Sinn. Doch die Mitschnitte der Betonpredigt würde er sich trotzdem ansehen.