Messias Vol. II
Kapitel 6 online lesen


In Kapitel 6 der Story „Messias Vol. II“ ist unser Protagonist Robert zu einem feurigen Anhänger des Heilands Gilliam Carfield geworden. Zum ersten Mal seit langem füllt sich sein Leben wieder mit Sinn. Da bremst ausgerechnet sein Freund Ned, der ihn auf Carfield brachte, die Euphorie. Viel Spaß beim Lesen! 

VI

»Na John?« Der Blick nach rechts auf seinen geschmacklosen Kollegen. »Na Pete?«, die schrillstimmige Antwort. »Alles klar?« »Jaaa.« »Bist du Turbo?« »Nein«. Der Mann mit der schrillen Stimme drehte sich wie motorisiert vor einem schwarzen Hintergrund, die Frisur und die Klamotten jeden Augenschlag anders in Farbe und Form, die Musik melodielos aufgedreht. Die Kamera wanderte weiter nach rechts, so dass der Gedrehte im linken Rand der Kadrierung zum Stehen kam, und seine Worte, endlich fertig gedreht und in den Klamotten seines ehemaligen Gegenübers, einer Person am rechten Bildrand entgegenwarf – demselben von vorhin, der nun ein geschmackloses Outfit trug. Stolz verkündete die schrille Stimme, nun mit Zuversicht: »Ich bin Astra-Upulus.« Die Kamera drehte sich, von jetzt auf gleich im Nullkommanichts beschleunigt, über die Köpfe der beiden hinweg während sie zurückzoomte, bald sah man die beiden verkehrt herum von der anderen Seite, bald von unten, bald von der ursprünglichen Position aus, nur viel weiter entfernt. Die Bewegung offenbarte den kosmischen Hintergrund, keinen Bezugspunkt, außer den beiden menschlichen Fixsternen in der Mitte des Bildes, die Musik hyper-rhythmisch-schnell, und dann die aggressiv-entschlossenen Stimmen in längst nicht mehr erfassbaren Mundbewegungen. »Astra-Upulus ist hyper, Turbo war mikro-gestern.« »John, du bist einfach nur John-John!« Die Gestalten verschwammen in dem unendlich wirkenden Zoom und der steten Drehung schließlich im schwarzen Nichts, das seinerseits einer glänzenden Orange auf einem spiegelpolierten, weißen Tisch wich. »Seien auch Sie Astra-Upulus, noch hyper-heute! Rufen Sie an unter 911* und verlangen Sie einfach Astra-Upulus. 911 für Astra-Upulus. Denn Turbo war mikro-gestern. 911.«

Sieben Wochen waren seit Carfields Auftritt in der Johnny Stone Show vergangen. Robert war seinem Vorsatz treu geblieben und hatte sich die CMC der Betonpredigt bestellt – für sensationelle 9.90 Points bei Orderday™, dem Online-Bestellhaus Nummer Eins. Tatsächlich unterschied sie sich kaum von dem, was Christus Jahrtausende zuvor gepredigt hatte. Und doch war alles anders; er konnte die Lehre nun endlich in einen Bezug setzen, verstehen, wie sie im Heute gemeint war. Johnny Stone hatte den Anfang gemacht. Die CMC war der zweite Schritt gewesen. Als nächstes würde er Carfield bei seiner Predigt in der National Music Hall sehen; das Ticket war schon reserviert (bei Leibe, es war nicht günstig gewesen!). Er hatte sich zu einem regelrechten Fan entwickelt, und mit ihm Hunderttausende andere, darunter auch viele Prominente. Sein PopQuot lag mittlerweile bei 6.2, und das konstant. Carfield war keine Eintagsfliege, das stand fest. Er hinterließ Eindruck, wo immer er auftauchte. Man musste ihn einfach bewundern, ob man seinen Behauptungen nun zustimmte oder nicht. Robert war überdies aktiv geworden; gleich am Tag der Ankunft der CMC hatte er sich in ein Sonderprogramm zur »Änderung eines Geburtensponsorings im fortgeschrittenen Alter« einschreiben lassen, und es hatte ihn einiges an Spucke gekostet, den Bearbeiter am Telefon von der Rechtmäßigkeit seiner Bitte zu überzeugen. Außerdem war er Mitglied im »Help’Em’All™ Erlebnis Wochenende Verband« geworden, einem der renommiertesten Caritasverbände der Region – für Menschen, die sich mehr Wohltat nicht leisten konnten, verstand sich. Es war ein gutes Gefühl, ein Leben zu führen, das vor sich selbst Bestand hatte. Leider war er die letzten drei Wochenenden verhindert gewesen, aber es würde noch genügend andere geben, an denen er aktiv werden konnte. Immerhin gehörte er schon einmal zum Pool derer, die willens waren, die Welt zu einem besseren Ort zu machen – und das zählte am Ende. Er spürte Carfields Präsenz, wenn er zur Tat schritt – ein Gefühl von Kraft und Zuversicht. Man konnte gar nicht zum Ausdruck bringen, wie gespannt Robert auf das war, was Carfield nächste Woche in der National Music Hall zu sagen hatte.

Doch so weit sollte es nicht kommen.

Es klingelte an der Tür. Robert stellte zufrieden fest, dass es Ned war. Er hatte ihn lange nicht mehr gesehen. Kaum war die Tür geöffnet, schon wurde ihm ein merkwürdig blinkender Handschuh entgegengestreckt.

»Hi Robby, schlag’ ein!«

»Was ist das?«, fragte Robert mit misstrauischem Blick auf die geöffnete, blinkende Hand.

»Das sind die neuen Hyper-Color-Rainbow-Gloves™! Mit diesen Handschuhen bist du überall groß! Farbe als Ausdruck von Style, viele Farben als Ausdruck von noch mehr Style! Schlag ein!«

Seufzend gab Robert Ned die Hand.

»Vielen Dank!« Ohne die Hand weiter zu schließen, kramte er mit der anderen ein Spray hervor, besprühte die Innenfläche des Handschuhs, in der Sekunden zuvor noch Roberts Hand geruht hatte und drückte sie dann gegen die Glasscheibe eines kastenartigen Apparats, der bislang unter Neds Mantel verborgen gewesen war. Das Glas erwachte zu lichterhellem Leben.

»Ein Scanner?«, fragte Robert misstrauisch.

»Perfekt«, murmelte Ned in Ignoranz der Frage. »Damit wären hundert voll.« Er packte an seine Hand und zog eine Plastikschicht von dem Handschuh ab. »Das Partnerprogramm von Dynami™ macht’s einem nicht leicht. Nur Handabdrücke zählen. Dafür stimmt die Vergünstigung.«

Er bemerkte Roberts unverändert misstrauischen Blick. »Dich stört das doch nicht etwa?«

»Nein, nicht unbedingt.«

»Gut, weil einige haben ein echtes Gezeter veranstaltet. Als ob da was Schlimmes dabei wäre.«

»Vielleicht fühlen sie sich damit… in ihrer Privatsphäre verletzt?«

»Die Gesetze haben genau geregelt, was Privatsphäre ist und was–«

»Ich rede von der moralischen Privatsphäre, Ned.«

Ned zuckte mit den Schultern. »Sie haben mir doch ihre Hand, gegeben, oder? Ich sehe da kein Problem.«

Abermals musste Robert seufzen. Doch er wollte sich die Laune nicht mit müßigen Gesprächen verderben lassen. Ned war unterdessen damit beschäftigt, seine Handschuhe auszuziehen.

»Möchtest du einen Kaffee? Habe endlich wieder eine Maschine.«

»Klingt gut, solange es keine Seims™ ist. Hab‘ mich nämlich in die Hasskampagne von Rödelmann™ eingeschrieben – und die verbietet die Nutzung von Seims-Geräten. Scheißteile übrigens. Ich hasse sie.«

»Nein, keine Seims. Alles im grünen Bereich.«

Der Kaffee schmeckte besser als erwartet – Robert hatte mal auf den Preis geschaut und anstelle des populärsten den billigsten Kaffee gekauft. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ein Unterschied war nicht zu erkennen.

»Du bist in letzter Zeit wirklich aktiv geworden, Robby. Mitglied im ›Help’Em’All Erlebnis Wochenende Verband‹, freiwillige Überstunden, und sogar deine Wohnung hast du auf Vordermann gebracht! So kannte ich dich schon lange nicht mehr. Hat dir deine Aspireen-Firma neue Tarife geboten?«

Kopfschütteln. »Ich heiße nicht länger Aspireen-Keeler. Mein neuer Sponsor ist GoodWorld™! Na ja, auf Bewährung.«

»GoodWorld, der Hersteller von Benefizartikeln? Unglaublich! Hat dich bestimmt einiges an Mühe gekostet. Meinen Glückwunsch, Mister GoodWorld-Keeler.«

»In gewisser Weise hast du Anteil an der neuen Kraft, die in mir wohnt.«

Ned schien nicht zu verstehen.

»Carfield, damals, vor zwei Monaten! Du hast mich zu ihm geführt. Und dafür wollte ich dir meinen Dank aussprechen, und mich entschuldigen, dass ich so skeptisch war. Ach, ich war ein regelrechter Zyniker.«

Neds Gesicht verdüsterte sich.

»Er ist wirklich etwas Besonderes, man muss ihn gesehen haben, wie du sagtest. Jemand, der dir den Plan hinter allem aufzeigen kann. Nur durch ihn habe ich die Kraft gefunden, wieder aufzustehen und weiter zu machen.«

Endlich bemerkte Robert den unheilvollen Ausdruck in Neds Gesicht.

»Was ist denn los?«

Ned räusperte sich. »Ja, Carfield, hm. Hast du heute noch keine Nachrichten gesehen? Oder gestern Abend?«

»Nein, ich bin früh ins Bett und habe dann–«

»Leute wie du, Robby, machen den PopQuot erst zu dem aussagelosen Mittel, als den du ihn immer bezeichnest. Na egal. Carfield – ja. Er ist aufgeflogen. Alles ist aufgeflogen.«

»Wie meinst du das?«

Ned schien das Gespräch unangenehm zu werden. So gut kannte ihn Robert mittlerweile: Es passte einfach nicht zu Neds Image, schlechte Botschaften zu überbringen. Er war dafür einfach zu positiv. Oder charakterlos.

»Ich weiß auch nicht so recht. Am besten schaltest du die Nachrichten ein.«

»Gleich. Erst will ich wissen, was los ist.«

Ned wirkte wie ein in die Ecke getriebener Hamster. »Carfield hatte Beziehungen zur Mafia. Die ganze Zeit hat er seinen Einfluss genutzt, um illegale Geschäfte zu tätigen.«

Robert lachte trocken auf. »Das ist ja völlig absurd! Carfield und ein Mafioso! Dass ich nicht lache. Und wie will man ihm das nachgewiesen haben?«

»Einer seiner Manager hat ausgepackt. Dokumente, Aufnahmen – alles da.«

Robert lehnte sich zurück, kraftlos. »Das ergibt doch alles gar keinen Sinn.«

»In der Reportage hieß es, dass eine religiöse Fassade die perfekte Tarnung für organisiertes Verbrechen sei.«

»Aber wieso gerade so? Nein…« Erste Entrüstung wich fanatisch-verzweifelter Entschlossenheit. »Oh nein. Er hat ein Wunder gewirkt. Vor meinen Augen.«

Ned schüttelte traurig den Kopf. »Damit hat er uns alle erwischt, Rob. Es ist mittlerweile raus. Das war ein abgekartetes Spiel.«

»Wie bitteschön das!?«

»Einer der Doktoren, du weißt schon, der Zeugen – war ein überzeugter Christ, ein Sympathisant Carfields.«

Stille. Rob sah Ned erwartend an, doch das war es. »Und was soll das beweisen?«

»Der Fall liegt doch auf der Hand. Der Doktor hat ein wenig geschummelt.«

»Aber… da waren noch zwei andere Doktoren und wie sollte man da schummeln?«

»Die Details sind noch nicht raus, aber man ermittelt bereits. Es ist nur eine Frage der Zeit, ehe man die Hintergründe kennt. Doch das Prinzip ist soweit klar, heißt es.«

»… heißt es? Das klingt mir alles sehr windig.«

»Keine Ahnung, schau dir einfach die Nachrichten an. Dann wird bestimmt alles klar.« Ned sprang auf. »Ich muss dann auch weiter. Tut mir wirklich leid wegen Carfield und allem. Ihm wird übrigens schon nächsten Monat der Prozess gemacht. Die verlieren dieses Mal keine Zeit, es ist ein Antrag zur Verfahrungsbeschleunigung durchgegangen. Na ja, vielleicht wird dich der Prozess schlauer machen. World News Channel One hat die Übertragungsrechte. Schalt‘ ein.« Schon war er wieder bei der Tür. »Und vielen Dank für den Kaffee, sehr viel besser als aus einer Seims-Maschine.«

* unter Lizenz des landesweiten Notrufverbands.