Messias Vol. II
Kapitel 7 online lesen


Im finalen Kapitel der Story „Messias Vol. II“ folgt unser Protagonist Robert gebannt den ungeheuerlichen Anschuldigungen, die gegen den vermeintlichen Messias und Hoffnungsträger Gilliam Carfield erhoben werden. Er weiß nicht, wie er reagieren soll, ehe sich alles auf das dramatische Ende zuspitzt. Dann weiß er es genau. Viel Spaß beim Lesen!

VII

Das Loch, das sich vor Robert in den folgenden Tage auftat, war gigantisch. Doch er stürzte nicht hinein. Noch nicht. Ein Netz, gewoben aus weißem Schock, faseriger Irritation und klebriger Neugier hielt ihn am Abgrund baumeln. So fest es mit jedem Peitschenhieb gegen Carfield nur konnte.

Die Zeit komprimierte sich vor Roberts Augen zu einem einzigen Flickenteppich von Meldungen, Reportagen und Initiativen für oder gegen Carfield. Der schwarze Stoff überwog.

Vor dem Prozess waren es die Prominenten, die Stellung bezogen, die sich kritisch äußerten zu den Anklagepunkten oder zu Carfield selbst. Stone war aus seiner gewohnten Studiokulisse ausgebrochen und hatte sich in zahlreichen Institutionen, hinter unzähligen Rednerpulten und vor zahllosen Kameras für Carfield ausgesprochen und das Volk innbrünstig beschworen, nichts auf die aufwallende Hetzkampagne zu geben. Doch wenn schon. Immerhin war er zu einem überzeugten Anhänger Carfields konvertiert; das war längst bekannt.

Reportagen über Carfields Leben, seine Freundschaften, seine Liebschaften. Was zu Tage gefördert wurde, entsprach keineswegs dem Bild eines unbeschmutzten Wohltäters; geboren im Armenviertel Mexico Citys als Sohn irischer Kleinkrimineller, Freund von Trickbetrügern und Porno-Darstellern, Liebhaber von Prostituierten und Drogenabhängigen. Bilder, die sich aus dieser Zeit fanden, zeugten von einem Menschen, dem nichts heilig, dessen Fleisch fleischlicher und dessen Geist geistloser als das von so manchem Normalbürger war. Hinzu kam, dass zwölf Jahre seines Lebenslaufs komplett fehlten; nicht einmal World News Channel One hatte sie in Erfahrung bringen können. Und dennoch – einen kriminellen Hintergrund hatte keine Reportage nachweisen können. Ironischerweise gelang dies nicht einmal den Staatsanwälten der ersten Instanz.

»Das Verfahren musste aufgrund mangelnder Beweise eingestellt werden.«

Oh ja, es gab Dokumente. Es gab Aufzeichnungen. Es gab Kronzeugen. Doch nichts, was über die Reife eines grünlichen Indizes hinausgelangte. Nicht ungewöhnlich für das Oberhaupt eines kriminellen Ringes, sagten die Ankläger – die Höchsten machten sich nie selbst die Finger schmutzig.

Und dann die Empörung, die auf den Freispruch folgte. Die zahllosen Verbände und Gruppierungen, die aktiv wurden, die Druck aufbauten, Motivationen stellten, Energien kanalisierten, Ressourcen mobilisierten. Ihr Sprechorgan: Die Neue Unikonfessionelle Kirche. Die bekannte Rede Bischofs Gebruederlichs – ganz ohne Meta-Cola – keine zwei Tage nach Verfahrensende. Carfields PopQuot zu diesem Zeitpunkt: 3.1.

»… gerade weil Mister Carfield unter Ausnutzung unseres gemeinsamen Glaubens und seiner bemerkenswerten Ausstrahlung zum Volkshelden avanciert ist, und gerade weil er solch hohe Ideale propagiert, darf der Apparat nicht schlafen. Dem falschen Propheten muss Gerechtigkeit widerfahren. Und genau aus diesem Grund werden wir die Klage bis zum obersten Gerichtshof treiben, so Gott will.«

Er wollte nicht. Schon in der zweiten Instanz sollte es zu einem Schuldspruch kommen. Von Carfield selbst war die ganze Zeit nichts zu hören. Entweder konnte oder wollte er sich nicht öffentlich äußern. Dafür wollte und konnte es jeder andere. Ehemalige Anhänger wandten sich gegen ihn, ganze Abteilungen seiner Organisation lechzten nach Denunzierung. So gut sei er überhaupt nicht gewesen, hieß es. Streng und patriarchalisch. Menschlich im klarsten Sinne.

Das Verfahren hatte sich aufgebläht, neue Indizien, neue Zeugen, neue Erkenntnisse. Demnach war Carfield einer der niederträchtigsten und skrupellosesten Paten, den die Welt seit langem erblickt hatte.

Er selber schwieg in den Prozessen, während der Zeugenaussagen und Live-Aufnahmen.

Den Ausschlag – oder das, was Robert später als solchen sah – bildete die Vernehmung von Carfield selbst. Er wirkte immer noch überzeugt, doch seine Augen und sein Mund schienen müde, sein Körper unter der Schwere seines eigenen Kreuzes gebeugt.

»… euer Ehren, wie wir eben von Mister Judd erfahren haben, wurde der Losungsbefehl für die Ermordung Carl Reigans von Mister Carfield persönlich gegeben, während der internen Sitzung vom 04.04.. Mister Carfield, trifft das zu?«

»Ich habe keinen Mordbefehl erteilt.«

»Haben Sie nach den Ausführungen zu Reigans Feindschaft Ihnen gegenüber mit den Worten ›Ich bin der Messias, meines Vaters Wille geschehe‹ geschlossen? Was, so darf ich für die Geschworenen noch einmal betonen, nachweislich der Exekutivbefehl für alle Taten in Ihrer Organisation war?«

»Das sagte ich am Ende jeder Sitzung.«

»Und sagten Sie es auch an diesem speziellen Tag? Antworten Sie nur mit ›Ja‹ oder ›Nein‹.«

Ein Feuer brannte in den Augen Carfields. Doch währte es nur kurz und fraß die letzte Kraft, die ihnen innegewohnt hatte.

»Ja.«

»Ruhe im Gerichtssaal!«

Carfields Anwalt war eine Flasche, und manchmal konnte sich Robert des Gedankens nicht erwehren, seinen Job besser gemacht zu haben.

Es half nichts. Carfield raste in sein Verderben. Der Tag der Urteilsverkündung war einer der dunkelsten in Roberts Leben.

»… schuldig.«

Roberts Wut über ein System, das von Medien offenkundig gesteuert und von Lobbys hinterrücks manipuliert werden konnte, wurde erschlagen von dem Fall in die große Schwärze, als das Strafmaß folgte: Todesstrafe durch Giftinjektion. Niemals zuvor hatte ein solch entschiedenes Urteil aufgrund solch haltloser Indizien gefällt werden können; nie zuvor solche Anklagepunkte ein solches Strafmaß gerechtfertigt.

Carfields Reaktion: Ein ausdruckloser Blick zur Decke. PopQuot: 2.2.

Tatsächlich hatte es World News Channel One geschafft, die Live-Übertragungsrechte für Carfields Hinrichtung zu erwerben. Keine vier Wochen nach Urteilsverkündung sollte es bereits so weit sein. Einzigartig.

»Die Neue Unikonfessionelle Kirche distanziert sich ausdrücklich von der harten Strafe, die Mister Carfield zuteil wurde. Wir wollten seine Verfehlungen nicht ungesühnt lassen, doch das Nehmen von Leben sollte Gott vorbehalten bleiben. Leider waren alle unsere Bemühungen, die Strafe in eine lebenslängliche Haft umzuwandeln, vergebens. Es haben hierbei Kräfte gewirkt, denen wir selbst nicht Herr waren. Wir müssen dies als den Willen unseres Herrn begreifen und akzeptieren.«

Obwohl Carfield hinter Gittern war, verblasste seine Aura in der Welt keineswegs. Ständig hörte man von neuen Berufungsgesuchen seiner Anhänger, ständig tauchten neue Erkenntnisse über seine vermeintlichen Machenschaften auf, ständig zierten redegewandte Jünger oder Nachahmer die Titelseiten und VisuWalls. Auch, wenn es plötzlich keinen einzigen gläubigen Anhänger mehr zu geben schien – reden wollte jeder über seinen einstigen Helden. Carfields PopQuot waren die Ereignisse Fraß genug: 1.7 in der letzten Woche.

Robert hatte gelitten mit Carfield, und war infolge des Urteils in eine tiefe Depression gefallen. Einzig der ständige Konsum der Betonpredigt vermochte es, ihm in jenen schweren Wochen die Kraft zum Weiteratmen zu geben. Doch ihr Strahlen nahm mit jedem Mal ab; und mit jedem Mal mischten sich ein paar Tropfen Skepsis hinzu. Denn zweifelsohne hatten die Monate des Prozesses einige Fragen aufgeworfen, die Robert nicht wirklich verarbeiten, sondern nur hatte verdrängen können. Sie schwemmten allmählich zurück.

Das Anschalten der VisuWall am Hinrichtungstag fiel Robert genauso schwer wie das Injizieren einer eigenen Giftspritze.

Es war ein wirklich gigantisches Ereignis. Stunden vorher war auf allen Sendern von nichts anderem die Rede. PopQuot: 0.9. World News Channel One hatten die Rechte in alle sendefähigen Länder überteuert weiterverkauft, und als Marktführer immer noch die Gewissheit, die höchsten Einschaltquoten zu bekommen. Experten kamen zu Wort, ebenso wie Laien. Gegner und Befürworter gleichermaßen. Vor der Vollzugsanstalt stauten sich die Menschenmassen, Hunderttausende. Johnny Stone als Anführer der Todesstrafengegner und Carfielder, wie sie sich nannten. Gebrüll, schwankende Schilder, wedelnde Flaggen, Heerscharen von Reportern mit ihrer Kameraartillerie, vorgelagert für die schwersten Attacken. Es war ein heilloses Durcheinander.

Und schließlich war es soweit: Die Zeremonie begann. Die Musik, die Geräusche, alles verstummte, das Bild auf jedem Sender verdunkelte sich, und blendete über in eine sterile Hinrichtungskammer. PopQuot: 0.4.

Da lag er, aufgeschnallt auf eine stählerne Bare, den einen Arm parallel zum Körper, den anderen im fünfundvierzig Grad Winkel abstehend auf einer eigenen Schiene festgesurrt, mit Spritzen im Arm, die zu farbigen Behältern führten. Er war ausgemergelt, das Gesicht unterlaufen mit Qual, der Blick geschunden. Um ihn herum versammelt waren mehrere Leute. Die Kamera – an der Decke direkt über Carfield montiert – erhaschte nur einen Blick auf ihre Köpfe. Wächtermützen, frisierte Haare, ein aufgeschlagenes Buch.

Robert nahm die Vollzugsworte wie durch einen Schleier wahr.

Die Pumpen setzten ein; Carfield bäumte sich schwächlich auf. Die Farben flossen in seine Venen; Sekunden vergingen, Minuten. Dann: Die letzten Worte. Momente, bevor die Pumpen die letzten Tropfen Gift aus den Behältnissen pressten. Der Blick zur Decke, hinein in die Kamera:

»Vater, hab Gnade – sie bleiben deine Kinder.«

Stille Tränen flossen Roberts Gesicht herab, als das schmerzvolle Stöhnen zu einem leisen Röcheln verkam. PopQuot: 0.0.

Und just in diesem Augenblick, in diesem Moment des Todes, des von Milliarden Augen beschauten Röchelns, erschien in dezenter Farbe, in elegantem Schwung, in unaufdringlicher Größe folgender Schriftzug: »Carfields Glaubensweg powered by Pespin Coke. Wir reden nicht von Erleuchtung – wir machen sie wahr.«

Dann der letzte Atemzug Carfields. Glasige Augen, die in den Himmel starrten.

Glasige Augen, die auf die VisuWall starrten.

Ein Fachmann ging zum Körper und gab das Okay für die Beendigung. Carfield war tot. Der Schriftzug blieb noch eine Weile, dann verschwand er. Das Bild wurde schließlich wieder zu diversen Moderatoren oder Außenaufnahmen überblendet – je nach Sender – und der Ton fand sich in den ersten, verhaltenen Kommentaren über das Geschehene wieder.

Robert schaltete aus und ließ die Fernbedienung fallen. Er fühlte die Feuchtigkeit auf seinen Wangen von den letzten Tränen und empfand sie als etwas unsagbar Unangenehmes. Er wischte sie weg. Die glasigen Augen gewannen wieder an Schärfe. Langsam begriff er…

PopQuot™ 0.0. Ein gigantisches Comeback für Pespin™ Coke, die die letzten Jahre Gott weiß was getrieben hatten. Damit stellten sie die ’26er Kampagne von Meta-Cola™ und der Neuen Unikonfessionellen Kirche mit Gelächter in den Schatten. Natürlich. Robert GoodWorld™-Keeler war ein aktiver Konsument, aufmerksam. Er ließ sich nicht so leicht manipulieren, oh nein, er wusste, worauf es am Ende ankam. Er hatte begriffen. Oh ja. Ganz bestimmt.

»Du gerissener Mistkerl…«, flüsterte er mit überlegenem Lächeln und einem Blick auf die rückgabefähige Betonpredigt CMC von Orderday™ – die Augen noch rot, doch die Zähne dafür umso weißer. »Fast hättest du mich gehabt.«