Schenksphäre
Die unglaubliche Bobby-Wayne-Story #05


Ankunft in Kroatien

Einen Tag vor unserem Flug nach Kroatien trafen sich mein Freund, der Kameramann, und ich zu einem gemeinsamen Filmabend. Für diese Story nenne ich ihn Matthew.
Wir stimmten uns mit Uwe Bolls „Bloodrayne“ auf den bevorstehenden Ausflug ein. Ich wollte vorher kein Fass über Uwe Boll aufmachen, deswegen lasse ich das auch hier bleiben. Auf alle Fälle erheiterte uns der Film.
Wenn es da nicht diesen kleinen Störfaktor gegeben hätte.


Denn Bobby Wayne war schon in Kroatien und rief an diesem Abend drei Mal binnen kürzester Zeit an, um mich über Nichtigkeiten vor Ort zu informieren. Ein Skype-Chat ging voraus.

Seine erste Meldung war etwas wichtiger, zugegeben; aber das Resultat blieb gleich. Denn er musste mir erzählen, die Begleichung unserer Hotelrechnung vergessen zu haben, und wie er das heute abend nachgeholt hatte. Die Reservierung war zwischendurch verfälscht worden; dann war kein Zimmer mehr frei. Mit purer Redekunst hatte es Bobby dann fertig gebracht, alles wieder auf den Status Quo zurückzuversetzen. Cool.

Das zweite Mal unterbrachen wir den Film etwas zerknirschter, denn Bobby rief erneut an, um mir zu erklären, wo unser Zimmer lag. 1618 – sechszehnter Stock – direkt rechts wenn du aus dem Aufzug kommst! Diese Information packte er in gefühlte zehn Minuten Redezeit. Ich blieb geduldig und bedankte mich für den Service.

Beim dritten Mal waren wir schon sehr überrascht, und es fiel mir schwer, die höfliche Dankbarkeit in meiner Stimme aufrecht zu erhalten. Denn ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte – er erzählte von seiner defekten Klimaanlage und davon, wie man das Fenster im Zimmer öffnen konnte. Nämlich nur durch seitliches Schieben; das wäre bei uns bestimmt auch so.

Na dann. Konnte ja nichts mehr schiefgehen.

Als wir in Kroatien ankamen – ich möchte kein Tagebuch über die Eindrücke in diesem fremden Land führen, es geht immerhin um Bobby Wayne – warteten wir allerdings vergeblich auf den überaufmerksamen Telefonservice.

Verabredet war ein Gespräch um 14.00 Uhr, wo uns Bobby Wayne Instruktionen zum Weg ans Set geben sollte. Aus irgendwelchen Gründen hielt sich meine Überraschung in Grenzen, als das Telefon still blieb. Meine Anrufe blieben unbeantwortet. Wir gingen in die Stadt spazieren und bekamen einige Stunde später eine SMS. Bobby erklärte, heute passe es wirklich ganz schlecht, um ans Set zu kommen. Alles sei so eng. Na ok. Matthew und ich hatten ohnehin einen Ruhetag eingeplant. Wieso nicht der Freitag.

Wir verabredeten uns zum Abendessen mit Bobby.

Er kam in unser Zimmer (das von ihm bezahlte, so fair muss man sein!) und erzählte uns nach einigen Floskeln von seinen bisherigen Erlebnissen am Set.

An dieser Stelle wird es Zeit, auf Bobby Waynes Äußeres einzugehen. Er war mit seinen ein Meter paarundsechszig ein Stück kleiner als ich, leicht untersetzt und mit relativ kurzen Gliedmaßen bestückt. Das Fremdwort hierfür lautet Pykniker. Er trug eine klassische Klobrille rund um den Mund und hatte Geheimratsecken an der Grenze zum Haarausfall. Die Stirn legte sich beim Reden oft in besorgte Falten. Seine Kleidung war leger, ich glaube eine Jeans/Muskelshirt Kombination. Mit Anzugträgern sei er nie zurecht gekommen, pflegte er mir schon früh zu sagen.

Außerdem hatte er tags zuvor eine dreihundert Euro teure Porsche-Sonnenbrille erworben, was er zu keinem Zeitpunkt zu erwähnen vergaß.

Obwohl er in jedem Satz den Begriff „echt witzig“ in Variationen benutzte, also

… das war echt witzig
… das ist echt witzig
… das wird echt witzig

sah man ihn nie lachen. Höchstens hämisch grinsen.

Seine Ausführungen zu den Erlebnissen am Set waren sehr detailiert. Dann holte er seinen Laptop und zeigte seine Bilder und Handyvideos. Es war wie ein Urlaubsnachtreffen. Er nannte uns alle Namen von der Crew und den Darstellern und das es mit den meisten echt witzig war. Keine Anekdote, keinen Kontakt ließ er aus. Im Großen und Ganzen hatten wir den verpassten Drehtag zum Schluss doch nicht verpasst.

Nun war das echt nett und ich ordnete diesen Detailreichtum unter „Briefing“ ein. Wir sollten vorbereitet sein, wenn wir morgen die Leute kennenlernen würden. Trotzdem blieb das ungute Gefühl, von einem grenzdebilen Vollidioten sein egozentrisches Universum der Nichtigkeiten erklärt zu bekommen.

Dann kam es zum Darlehensvertrag. Bobby hatte ihn tatsächlich mitgebracht. Die Sache war also ernst! Super, dachte ich mir. Mit dem Zeugen Matthew im Raum unterschrieb Bobby seinen Part. Ich würde folgen, sobald ich die 10.000 Euro zinsloses Darlehen in Empfang genommen hatte. So sah es der Vertrag vor.

Cool. Mein neues Filmprojekt war finanziell gesichert. Dachte ich.

Doch ein ungutes Gefühl blieb. Als Bobby kurz in sein Zimmer zurückkehrte, meinte der schweigsame Matthew zu mir, der Bobby aufmerksam beobachtet hatte: „Daniel, das ist nie im Leben ein Manager. Never.“ Er spielte natürlich auf Bobbys Wesen an.

Ich sagte: „Er scheint Geld zu haben.“
Matthew schüttelte den Kopf: „Mami und Papi.“

Dann gingen wir zu dritt aus.

Im Aufzug fragte ich Bobby nach der RED Scarlet Kamera, die er mir besorgt hatte. Ich sei schon sehr heiß, wiederholte ich mich.

„Ja die Kamera ist diese Woche in Berlin angekommen. Ich schicke sie nächste Woche zu dir nach Köln.“

Da staunte auch der kritische Matthew nicht schlecht. Ich vermute, er als Kameramann freute sich noch sehr viel mehr über diese Prototypen-Kamera.

Bobby wollte uns zu einem Geheimtip-Laden führen, der ihm von einem Crewmitglied empfohlen wurde. „Vielleicht treffen wir auch den Uwe, die Crew isst dort oft zu Abend.“ Leider fand er dieses Restaurant nicht. Es regnete wild, wir wanderten klatschnass durch die halbe Stadt und kamen dann in einem chinesischen Restaurant mit kroatischem Kellner unter.

Wir aßen das schlechteste chinesische Essen meines Lebens und sprachen über Nichtigkeiten. Doch immerhin lud uns Bobby ein. Außerdem erzählte er, wie er sich zwischendurch gerne einen Scherz daraus mache, in Apple Stores mit Kleingeld zu zahlen.

Auf dem Nachhause-Weg wollte Bobby unbedingt ein Taxi haben. Es hatte aufgehört zu regnen, daher war ich entspannt. Doch Bobby wanderte eine halbe Stunde um das Restaurant auf der Jagd nach einem Taxi. Zum Schluss schlugen Matthew und ich vor, schonmal los zu gehen, man könne sich das Taxi auf dem Weg bestellen.

Ok.

Gefühlte 200 Meter vor dem Hotel fand Bobby noch ein Taxi und bestieg es. Ich glaube, der Taxifahrer fuhr eine Schleife, damit sich die Fahrt rentierte. Ich kann mich irren.

Bobby fragte uns, ob wir auch den hochgepanzerten Wagen vor dem Hotel gesehen hätten. Der würde da parken.

Nein, hatten wir nicht.

Bobby erzählte uns detailiert, über welche hohe Sicherheitsstufe der besagte Wagen verfügte und dass diese Stufe in Deutschland den Politikern vorbehalten sei. Es klang ein wenig wie ein Bericht aus der Praline zum neuesten Ami-Hightech-Panzer. Zumindest sahen wir diesen Wagen niemals. Der Besitzer hatte wohl ausgecheckt.

… to be continued…