Schenksphäre
Die unglaubliche Bobby-Wayne-Story #06


Nicht besser als jeder Passant

Daniel, warum schreibst du diese Geschichte?
Hast du dich das auch schon gefragt? Man könnte meinen, dass es nicht sehr nett ist, die Beziehung zu einer anderen Person im Detail darzulegen. Ich schütze Bobby Waynes Identität, das schon. Aber höchstwahrscheinlich liest Bobby diese Zeilen mit und freut sich gerade gar nicht.
Wieso also? Musst auch DU morgen Angst haben, in einer monströsen Story aufgefaltet zu werden? Nur weil du mich kennengelernt hast?

Die Antwort lautet natürlich nein. Ich halte meine Beziehungen hoch und gelte als verschwiegener und vertrauenswürdiger Geheimnisträger. Das bleibt auch so.

Bobby Wayne allerdings… also Bobby… das ist etwas komplett anderes.

Bobby hat unsere Bekanntschaft von Anfang an und systematisch mit unhaltbaren – oder besser unbewiesenen – Unglaublichkeiten untermauert. Er hat mir Kontakte und Geräte und Aufträge versprochen. Er hat seine Unterschrift unter einen 10.000-Euro-Darlehensvertrag gesetzt! Er hat mich von einem Tag auf den anderen prinzipiell ignoriert. Er hat mein Ultimatum zur Richtigstellung der Sachlage stumm verstreichen lassen. Der einzige Grund, warum ich ihm keine russischen Schläger vor die Haustür bestelle, ist der, dass niemand zu Schaden kam.

Ich erzähle diese Geschichte, weil es eine solche Unglaublichkeit wert ist, erzählt zu werden.

Ich erzähle sie, weil ich mich noch niemals im Leben sosehr über einen fehlinvestierten Vertrauenskredit geärgert habe. Ich habe unsere Absprachen vor meinem Bekanntenkreis ausgebreitet und fühle mich jetzt wie der Verbreiter einer Lüge. Einer Lüge, die so unglaublich ist, dass sie aber niemand glaubte. Ich fühle mich wie ein dummer Lügner.

Ich erzähle diese Geschichte, weil ich die Sachlage richtig stellen will. Und andere Hirne entscheiden lassen möchte, wie man so ein Erlebnis bewerten muss.

Zurück zur Story.

Der Freitag war in Kroatien verlebt, und am Samstag sollte es endlich ans Set gehen. Zuvor freuten Matthew, der Kameramann, und ich uns auf das All-You-Can-Eat-Frühstücksbuffet.

Und tatsächlich sollte das auch das Highlight unseres Ausflugs werden.

Dabei begann das Wochenende vielversprechend.

Schon beim Frühstück trafen wir Dr. Uwe Boll! Das heißt, wir sahen ihn dort sitzen. Cooool. Der Film wurde also wirklich gedreht.

Wir setzten uns an einen Tisch ca. sechs Meter entfernt. Hätte ich gewusst, dass wir nie wieder näher an ihn herankommen würden – ich hätte mir ein Herz genommen und ihn angesprochen.

„Herr Boll, entschuldigen Sie die Störung, aber ich wollte Ihnen nur ganz kurz Hallo sagen. Mein Name ist Daniel P. Schenk, ich bin der Nachwuchsregisseur, der von Bobby Wayne an Ihr Set eingeladen wurde. Ich wollte mich herzlich für diese Möglichkeit bedanken. Wir sind schon sehr gespannt auf alles. Vielleicht bleibt am Abend ja eine Minute Zeit, um mal zu quatschen. Wir sind extra aus Deutschland angereist.“

Das HÄTTE ich sagen sollen. Nachher ist man schlauer.

Aber ich dachte mir: „Pah, wieso denn! Immerhin habe ich einen heißen Draht. Wieso soll ich mich selbst vorstellen, wenn ich von einem Kontakte-Macher eingeladen wurde?“

Außerdem wollte ich Bobby nicht die Show stehlen. Ich dachte, er hätte einen Plan. Vielleicht einen cool inszenierten Autounfall, wo ich ins brennende Auto laufen und ein kleines Kätzchen hervorholen sollte… um es dann Uwe Boll zu überreichen.

Ich weiß auch nicht.

Bobby kam frühstücken. Er hielt für zwei Small-Talk-Sätze bei Uwe an und setzte sich dann zu uns. Seine 300 Euro teure Porsche-Brille hatte er locker auf den Kopf gezogen.

„Da hinten sitzt der Uwe, habt ihr gesehen?“

Ja, hatten wir. Aber Bobby machte keine Anstalten, die Verbindung herzustellen. Naja, dachte ich mir, vielleicht ist es gerade ungünstig. Herr Boll sprach mit einem wichtigen… Kellner.

Oder Bobby war noch nicht auf der Höhe. Noch müde; nicht scharf. Die Jagdinstinkte schlummerten; noch nicht hot hot hot. Das Kontakter-Gen ausgeschaltet; der Urlaubsmodus aktiv.

Er würde sicher den richtigen Moment finden, vielleicht direkt am Set. Da war Uwe voll in seinem Element.

Bobby erzählte noch von seinem Drei-Stunden-Schlaf, den er tapfer weggesteckt hatte. Dann nahmen wir uns ein Taxi zum Basecamp.

Das Basecamp war ein Trailerpark mit Zelten, der als Basis für die Crew fungierte. Die einzelnen Sets waren überall in der Altstadt verteilt; der Rückzugspunkt blieb immer gleich.

Und hier, an genau dieser Stelle, kurz nachdem wir aus dem Taxi stiegen und uns Bobby zum Warten veranlasste – genau hier begann die komplette Story zu kippen. Was ich jetzt erzähle, ist nicht spektakulär; für sich genommen sagt es nichts aus. Aber im Nachhinein markiert dieser Moment den endgültigen Wendepunkt für mich. Ich merkte, dass ich meine Sicht auf Bobby Wayne und meine Erwartung an seine Fähigkeiten radikal überdenken musste.

Wie folgt:

Wir standen am Rande des Basecamps und Bobby meinte, wir sollten hier warten. Er würde die Lage abchecken. Ok.

Unter“Lage abchecken“ verstand ich, dass er uns nun anmelden würde. Er würde zu Uwe Boll oder zumindest zu einem Assistenten gehen und Bescheid geben, dass die beiden Filmjungs – ja genau! Die Jungs, die fast als Komparsen eingeplant wurden, die Jungs, die extra aus Deutschland anreisten, die Jungs, für die sich Uwe ein paar Minuten zum Reden Zeit nehmen wollte – also genau DIE Jungs vorm Basecamp standen und sich als artige Zuschauer fürs Wochenende einklinken würden. Ihr wisst Bescheid? Alles klar! Das war’s schon.

Ich bin kein Fanboy-Stalker, der sich erst Backstage und später ins Hotel schleicht, um sich von seinem Star ein Baby machen zu lassen. So eine Anmeldung war für mich obligatorisch. Gerade am Set, wo alle fürchterlich konzentriert sind.

Und hier ist, was wirklich geschah:

Dr. Uwe Boll kam im Pulk mit drei Assistenten aus dem Basecamp gestiefelt, Bobby Wayne trabte mit seiner Porsche Brille hinterher. Matthew und ich standen mit unseren Rucksäcken – er der Große, ich der kleine daneben – etwa zwanzig Meter entfernt. Bobby fühlte sich gut, dort in der Truppe hinter Uwe Boll. Er gehörte dazu; ein enger Vertrauter des Multi-Millionen-Dollar Produzenten. Er sprach die Leute bei ihrem Vornamen an, das erschien absolut klar. Das Set hatte ihm seine Geheimnisse offenbart. Hier stand ein junger, interessierter, dynamischer, aufstrebender Top-Manager und Hoffnungsträger; ein vielbeschäftigter, aber auch weltoffener Globetrotter, für dessen Gegenwart sich Uwe Boll genauso glücklich schätzen konnte wie umgekehrt.

Und was Bobby nun für uns tat, für die beiden jungen Würstchen aus Deutschland, war etwas großes: Er sah sich mit seiner verspiegelten Brille beiläufig um in einer Mischung aus Leibwächter und Top-Manager, und ohne weiteren Aufhebens winkte er uns herbei.

Es war kein überschwengliches Winken, es sollte uns nicht näher holen oder die Berührungsangst nehmen. Es war ganz dezent auf Hüfthöhe ausgeführt, und seinen Körper hatte er nicht mitgedreht. Ein geheimes Zeichen, selbstverständlich unauffällig, welches uns die Verfolgung aufnehmen lassen sollte. Mehr nicht.

Ok.

Und etwa in diesem Moment begriff ich, dass Bobby Wayne nicht der heiße Kontakte-Macher war, für den ich ihn gehalten hatte.

Wir trabten Boll hinterher und waren irgendwann am Set. Das Team verschwand ins Haus, Bobby Wayne auch. Ich fühlte mich so willkommen wie eine Kakerlake in einer Küche. Wir warteten und irgendwann trabte Bobby Wayne wieder heraus.

„Da drinnen ist es sehr eng, tut mir leid, ich glaub nicht dass ihr da rein könnt.“

Wie zum Trost lud uns Bobby dann ein, eine exklusive Rundführung mitzumachen. Er nahm uns an der Hand und führte uns zurück zum Basecamp, wo er uns alles zeigte. Und mit „alles“ meine ich alles.

Das war wie gesagt in erster Linie ein Trailerpark. Bobby zeigte uns jeden Laster und jedes Zelt; und er kannte die Namen aller Leute. Wow.

Wir sahen
– das Cateringzelt
– den Matschweg
– die mobilen Toiletten
– die geparkten Privatautos
– kaffeetrinkende Crewmitglieder
– das Maskenmobil (klingt wie Batman, ist aber nur der Laster für die Kostüme)
– eine Vampirgesicht-Latexmaske auf zehn Meter Distanz

Matthew brachte es auf den Punkt, als wir alleine standen: „Hier gibt es nichts, was ich nicht schon selbst dreimal größer gesehen hätte. Und der macht ne Sightseeing-Tour draus.“

Der Höhepunkt der Rundführung war, als uns Bobby freizügig anbot, vom Kaffee beim Catering-Tisch zu trinken. Kein Problem!

Wir realisierten schlagartig, was wir waren: Nämlich das denkbar Schlimmste, was einem Set passieren konnte.

Wir waren Set-Touristen der zweiten Generation. Das heißt, wir waren Heuschrecken, die von anderen Heuschrecken eingeladen wurden. Set-Touristen haben keine Funktion; im Grunde gaffen sie nur und trinken der Crew ihren Kaffee weg.

Bobby Wayne war ein Set-Tourist der ersten Generation, denn offensichtlich war er noch persönlich eingeladen worden. Wir hingegen…

Matthew sagte später: „Ich glaube Daniel, Bobby hat uns eingeladen, damit wir seine persönliche Unterhaltung am Set sind.“

Ich glaube mittlerweile, das ist ein guter Ansatz. Bobby ging es nicht um irgendwelche Kontakte, um Networking oder neue Perspektiven; er wollte einfach nur ein dankbares Publikum haben.

Zu diesem Zeitpunkt war meine Laune rapide abgefallen. Wahrscheinlich bekam das Bobby auch mit. Wie zur Entschuldigung sagte er nach der Tour: „Naja ich weiß auch nicht, was ich euch noch erzählen soll.“

Mach uns mal mit irgendjemandem bekannt du Spast!

Schoss es mir durch den Kopf und ihm am liebsten ins Gesicht. Sorry. Nett ist was anderes, ich weiß. Scheinbar ging an diesem Tag meine Geduld in die Knie.

Als er etwa ein Dutzend weitere Small-Talks mit der Crew abgefrühstückt hatte, nahm ich mir ein Herz und fragte ihn direkt: „Sag mal Bobby, weiß irgendjemand, dass wir hier sind?“

Bobby nickte eifrig. „Klar, der Uwe wusste damals Bescheid. Der hat das jetzt gerade sicher nur verpeilt weil er so viel um die Ohren hat.“

Nun gut. Das mochte sein. Aber Bobby unternahm nichts gegen diesen Misstand. Dass Uwe Boll unsere Anwesenheit verpeilt hatte, schien nun in keinster Weise Bobby Waynes Problem zu sein. Der amüsierte sich in seiner Rolle als Set-Tourist prächtig, trank jede Menge Kaffee und freute sich über seinen großen Komparsenauftritt.

War es seine Schuld, dass wir so verkrampft am Rand des Sets standen?

Er meinte noch: „Klar dürft ihr hier stehen, das stört keinen. Ihr würdet höchstens mit dem Dimitri Probleme bekommen, der dahinten, der ist für die Security zuständig. Aber ich denke nicht, dass es da Probleme gibt.“

Das war also das -Level- , oder sagen wir die Basis, auf der wir dort in Kroatien standen.

Wir hatten eine Generalerlaubnis von einem Set-Touristen. Wir durften Kaffeetrinken und da stehen, störte keinen. Höchstens den Mann von der Security. Der eigentlich dafür da war, um so lästige Heuschrecken wie uns loszuwerden. Die anderen hatten gar keine Zeit und Muse, sich mit Stalkern wie uns zu beschäftigen! War doch alles gut!?

Etwas (sehr) gefrustet entfernten wir uns vom Set. Ich nahm mir vor, Bobby am nächsten Tag deutlich um eine Vernetzung zu bitten. Heute war ich zu perplex.

Den Rest des Nachmittags ergab ich mich dann in Motz- und Witztiraden über Bobby. Das war ein Ablassventil. Auch fühlte ich mich vor Matthew ziemlich schlecht, den ich mit nach Kroatien geschleppt hatte. Ich kann definitiv nicht behaupten, nett gesprochen zu haben über Bobby. Moralisch gesehen verhielt ich mich falsch. Aber das war mir ziemlich egal.

Nun kann es sein, dass Bobby _vielleicht_ etwas von meiner Lästerei mitbekam. Es gab so einen Moment… da standen wir vor einem Haus, in dem Bobby sein Komparsenkostüm bekam. Je nachdem… wo genau der Raum eingerichtet war… *hust* hätte er uns durch ein Fenster hören können.

Zumindest ist das eine meiner besseren Erklärungen dafür, warum Bobby nach Kroatien schlagartig das Interesse an mir verlor.

Aber soweit sind wir noch nicht.

Am Abend kehrten Matthew und ich ins Hotel zurück, ich checkte meine Mails, chattete mit meiner Freundin, und schmiedete einen Schlachtplan für den Sonntag.

Was wollte ich genau? Fragst du dich vielleicht. Eigentlich nicht viel. Ich wollte nach Kroatien kommen und zumindest einmal im Bewusstsein von Uwe Boll gewesen sein!

Fanboy?

Nein. Aber ich wollte mein Netzwerk erweitern. Und zu einem Regisseur ans Set ins Ausland zu fliegen, das ist schon Einsatz, der wenigstens mit einem Small-Talk belohnt werden dürfte. Und später hätte ich den Kontakt ausgebaut; vielleicht um ein Treffen in Deutschland gebeten. Fuß in die Tür bekommen? Du weißt Bescheid.

Aber gut. Sonntag würde ich auf Bobby Waynes Schultern die Attacke schon reiten.

Dachte ich.

Denn genau dann passierte etwas vollkommen Unvorhergesehenes. Es war sehr tragisch und wenn es wahr ist, tut es mir auch fürchterlich leid.

Aber das Timing…

Das Timing war wie so vieles in Bobby Waynes Leben einfach unglaublich.

Gegen 17 Uhr erhielt ich eine SMS von Bobby, in der stand, dass er bereits Sonntagmorgen abreisen würde. Ein sehr enges Familienmitglied sei soeben verstorben. Peng.

Das war wie gesagt sehr tragisch. Ich spreche von einer Anakin-Luke-Familienbande. Und mein aufrichtiges Beileid, wenn dem tatsächlich so war.

Das hieß aber auch, dass jede Möglichkeit zur Verkupplung seitens Bobby geraubt war. Es war nicht mehr denkbar, dass Matthew und ich je mit Uwe Boll vernetzt werden würden.

Da saßen wir also, in der Lobby vom Hotel, und hatten plötzlich unseren einzigen, dünnen Faden zum Boll-Set verloren.

Am Sonntag hätten wir also nicht einmal Bobbys breite Schultern gehabt, hinter denen wir uns verstecken konnten. Wir würden dabei stehen wie jeder andere Passant auch. Ohne jemals irgendjemandem ernsthaft vorgestellt worden zu sein.

Wir wären nach Kroatien gekommen und hätten keinen neuen Kontakt in der Tasche gehabt; wir hätten nicht einmal Insider-Einblicke vom Set gewonnen. Defacto hätten wir genauso viel gesehen, wenn wir in irgendeinem Uwe Boll Fanforum (gibt es sowas?) vom Dreh gehört und ihn gestalked hätten.

Zwei junge Rucksack-Set-Touristen, die Meister Boll bis ins Hinterland folgten, um einen verzweifelten Blick auf den Dreh seines neuesten Werkes zu erhaschen.

Und genauso kam es.

Am Sonntag drehten sie auf offener Straße, also durften wir am Rand dabei stehen. Wie es viele andere Passanten auch taten.

Es war nett. Doch, schon. Aber viel hübscher als ein DVD Making Of war es auch nicht.

Wir stellten fest, dass Uwe Boll die meisten Einstellungen nur einmal dreht und grundsätzlich Zeitung zwischen den Aufnahmen liest. Aber ob das als Bilanz für einen Trip nach Kroatien reicht…

Auf Facebook lasen Matthew und ich am Montag dann, dass Bobby Waynes Flugzeug fast abgestürzt sei. Es handelte sich angeblich um ein Propellerflugzeug der Lufthansa (!), dem alle Triebwerke gleichzeitig ausgefallen waren. Notlandung in München; Weiterfahrt für Bobby dann im Zug nach Berlin.

So sehr ich später im Internet auch suchte, aber – von einer Notlandung in München am gegebenen Datum war nichts zu lesen.

Und so endete der Kroatien-Trip, ohne ein kleines Stück schlauer geworden zu sein. Doch die Story ist noch nicht vorbei. Immerhin war die RED Scarlet Kamera bereits in Berlin gelandet ud das Treffen zum 150 Millionen Dollar Kredit – und damit einem hochbezahlten Imagefilm – nur noch zwei Wochen entfernt. Und ein 10.000-Euro-Darlehen wartete auf seine Auszahlung.