Schenksphäre
Die unglaubliche Bobby-Wayne-Story #07


Das Ende vom Lied

Ich mache es kurz und schmerzlos. Du weißt es eh schon.

Natürlich bekam ich von all den Dingen, die mir Bobby Wayne während unserer stürmischen Skype-Beziehung versprochen hatte, keine einzige.

Ich bekam keine RED Scarlet Kamera. Ich bekam keine Berlinale Tickets. Ich bekam keine TESLA Grafikkarte (die stellte er später lieber auf eBay). Ich bekam keinen Kontakt zu Uwe Boll. Ich bekam kein 10.000-Euro-Darlehen ausgezahlt. Ich bekam keinen 1-Million-Euro-Budget Imagefilm Auftrag. Ich bekam nicht mal eine Antwort auf meine E-Mail.

Wenn du nur das wissen wolltest, kannst du jetzt mit dem Lesen aufhören. Es gibt aber noch ein paar witzige Details in der Zeit nach Kroatien, die ich erzählen möchte. Hoffst du auf eine Auflösung der merkwürdigen Ereignisse, kannst du aber wiederum mit dem Lesen aufhören. Das Rätsel um Bobby Wayne bleibt ungelüftet.

Achtung, dieser Post wird lang. Lies ihn nur, wenn du die letzten Details der Bobby Wayne Story erfahren möchtest!

Die erste Woche nach Kroatien hielt ich die Füße still. Immerhin war soeben ein enges Familienmitglied von Bobby Wayne verstorben. Dass mir das schwer fiel, verstehst du vielleicht. Immerhin lagerte die RED Scarlet Kamera in Berlin. Eine Next-Generation-Kamera nur 500km entfernt!

In dieser Zeit entwickelte ich mich zum Bobby-Wayne-Facebook-Stalker.

In den ersten zwei Tagen nach Bobbys tragischem Verlust waren ein paar gereizte Statements auf Facebook zu lesen; nichts Explizites. Muss nichts heißen. Dann beruhigte er sich sehr schnell. Und bald war er wieder in seinem Trott der Trivialitäten angekommen. Am liebsten erzählte er, wie er Game X oder Game Y soeben durchgespielt hatte. Auf meine Beileidsbekundung in seinem Profil erhielt ich keine Antwort. Auch hielt das kein EINZIGER seiner anderen Freunde für nötig. Muss nichts heißen.

Dass er seinen Skypekontakt in dieser Trauerwoche massiv einschränkte, verwunderte mich nicht weiter. Trauer eben.

Doch ab diesem Moment begann das langsame Absterben unserer Beziehung, oder besser: Das gezielte Erdrosseln.

Nach der Trauer-Woche nahm ich mir vor, mit Nachdruck an meine High-Tech-Kamera zu kommen. Darlehen und Imagefilm lagen ja noch beide Wochen bzw. Monate in der Zukunft.

Ich fragte Bobby im Skype-Chat nach dem Verbleib der Kamera. Er erklärte mir, dass sich ein Kollege um den Versand kümmern würde.

Ein paar Tage später meldete er sich wieder: Die Kamera sei aufgrund einer „unzureichenden Empfängeradresse“ zurückgekommen. Hm. Irgendetwas musste sein Kollege falsch gemacht haben. Doch die Kamera ging nicht wieder auf ihre Reise.

Eine Woche später harkte ich nach, zielstrebig: Ich sagte zu Bobby, ich könne seinen engen Zeitplan verstehen. Immerhin sei seine Multi-Millionen-Dollar Firma auf dem Weg. Er solle mich einfach mit seinem Kollegen kurzschließen. Wir beide würde uns um den Versand kümmern.

Bobby sandte eine E-Mail an beide Adressen. Er sagte zu seinem Kollegen – oder Angestelltem? – Michael folgendes (Originalmail):

Michael setz Dich bitte mit Daniel in Verbindung wegen der Kamera. Er hat die bis heute noch nicht und ich hab im Moment keine Zeit und Nerven mich auch noch darum kümmern zu müssen.

Das klang schon gar nicht mehr so nett.

Aber ich gerissener Hund harkte sofort bei Michael nach:

Hi Michael,

der hat mir gesagt, du würdest das Kamerapaket von Berlin nach Köln verschicken. Super! Könntest das so timen, dass ich die Kamera bis spätestens Freitagmorgen habe? Dann fahre ich nämlich zum Drehort des Filmprojekts, für das wir die Kamera benutzen möchten und wir wollen direkt vor Ort die ersten Testaufnahmen machen.

Nochmal die Adresse:

[…]

Kannst du mir Bescheid geben, wenn das Baby auf dem Weg ist? Wenn es eine Tracking Nr. o.ä. gäbe, wäre das natürlich optimal. Letzes Mal gab es ja scheinbar ein Adressproblem.

Leider antwortete Michael nie. Beschäftigter Junge. Zwei Tage später setzte ich nach:

Hi Michael,

wenn es Probleme gibt, die dem Versand entgegen stehen, würde ich mich über eine ganz kurze Info freuen. Defacto ist morgen der letzte Tag, an dem eine rechtzeitige Ankunft für den Testshoot am Wochenende (Freitag) gewährleistet wäre. Vielleicht bist du ähnlich wie die letzten Tage zeitlich viel zu sehr eingespannt, um den Weiterversand bei UPS zu veranlassen. Das ist dann sehr schade, aber natürlich kein Beinbruch.

Es wäre nur toll, wenn ich ungefähr weiß, woran ich bin. Du musst wissen, ich warte schon sehr lange auf die Kamera und mein Aufenthalt in der Schweiz wäre der optimale Moment, um sie zum Einsatz zu bringen. Ich bin bis zu den Dreharbeiten im Sommer nur selten dort und muss aufgrund des sehr begrenzten Budgets die Vorbereitungen präzise timen. Je früher ich weiß, woran ich bei der Kamera bin, umso besser kann der Dreh geplant werden.

Da ich scheinbar nur wenige hundert Kilometer von der Kamera getrennt bin, fällt es mir sehr schwer, sie NICHT in meinen Zeitplan einzubeziehen. Ich hätte auch nicht gedacht, dass sich diese letzte Station über Wochen hinzieht.

Lange Rede, kurzer Sinn – ich bitte um ein kurzes Feedback, was machbar ist!

Viele Grüße und vielen Dank
Daniel

Irgendwie traf ich wohl nicht Michaels Nerv, denn auch hierauf antwortete er nie. Allerdings war ich eine Spur schlauer gewesen: Ich setzte Bobby Wayne in den CC.

Und obwohl ich mir davon eine Reaktion erhoffte, muss ich zugegeben, dass mich DIESE Reaktion massiv überraschte:

Bobby sandte nämlich eine E-Mail zu Michael zurück, wo er MICH in den CC setzte. Und was Bobby seinem Kollegen zu sagen hatte, gebe ich hier besser im Wortlaut wieder, sonst glaubt man es nicht:

Also Micha, Daniel hat seine Kamera immer noch nicht bekommen, sorg dafür das die spätestens Dienstag bei ihm in Köln ist und wenn Du sie ihm persönlich gibst, ist mir scheißegal. Zieh´n Finger ausm Arsch und fang an zu rotieren, is ja nicht das erste mal das was so nicht klappt wie es soll…. Also, kümmer Dich drum oder such Dir ein neues Betätigungsfeld.

Ich bin ab nächste Woche wieder kurz in Berlin.

@ Daniel

Ich hoff das das jetzt so klappt, manchmal muss man seine Handlanger mit der Keule bedrohen damit was passiert…..

oO

So guckte ich etwa.

oO

Bobby hatte sich mit dieser E-Mail ins Abseits katapultiert. Denn egal, wie man sie interpretierte: Sie sprach immer gegen seine Kompetenz. Entweder war Michael wirklich unfähig und Bobby ein Idiot, so einen Mitarbeiter zu beschäftigen… oder Bobby war ein richtig schlechter Menschenführer. Denn wer spricht so mit seinen Mitarbeitern und DEMÜTIGT SIE NOCH VOR AUSSENSTEHENDEN? Oder es traf beides zu.

Ich glaube, Bobby realisierte seine selbstgegrabene Grube nicht. Wobei er im Graben von riesigen Gruben ja Erfahrung hatte. (Anspielung auf einen früheren Post)

Diese Mail machte mich perplex. Aber Micha blieb cool. Er antwortete nie. Die Kamera wurde auch nicht mehr versendet.

Ab diesem Punkt war für mich klar, dass ich mir den ganzen Glitzer abschminken konnte. Ich wollte nur noch mein Darlehen ausgezahlt bekommen. Das Darlehen, was mir Bobby Wayne per Unterschrift zugesichert hatte.

Leider gestaltete sich die Kontaktaufnahme ab diesem Kamera-Zwischenfall als nahezu unmöglich. Auf meine Skypechats reagierte Bobby nur noch selten mit Einzeilern. Meine Mails mit konkreten Fragen (Wann kriege ich die RED? Wann wird das Darlehen ausgezahlt?) wurden ignoriert.

Also griff ich zu rabiaten Mitteln und postete auf seine Facebook Pinnwand. Wow, denkst du jetzt. Daniel du Internet-Freak. Aber genau das war Bobbys Achillesferse. Ich schrieb nur, ob er sich mal melden wolle wegen der Kamera und unseren Absprachen. Mehr nicht, ganz allgemein.

Aber der Post wurde umgehend gelöscht und ich bekam diese E-Mail zurück:

Wenn ich nicht antworte hab ich zu tun. Ich meld mich schon noch keine Sorge. Und was wir untereinander besprechen hat bei Facebook nichts zu suchen.

War ja auch nicht nett von mir. Aber was sollte ich machen? Auf diese gar nicht so nette E-Mail antwortete ich wie folgt:

Hi Bobby,

schön wieder was von dir zu hören! Da ich leider überhaupt keine Meldung von dir bekommen habe, habe ich auf Facebook vorbei geschaut, da du dort ja immer aktiv bist. Immerhin habe ich so nun ein Lebenszeichen von dir erhalten, auch wenn ich leider immer noch nichts weiß. Ich schätze einmal, die Sachen zwischen uns haben bei deinen derzeitigen Unternehmungen keine Priorität, das verstehe ich durchaus. Nur musst du auch verstehen, dass sie bei mir oberste Priorität genießen und meine Sorgen bei anhaltender Kommunikationspause wachsen. Sie sind aber schnell zu zerstreuen, ein paar Minuten Gespräch, ein paar Absprachen, schon ist es alles easy. Da wir ja auch schon alles lange im Vorfeld besprochen haben, dürfte es da auch keinen großen Planungs- und Problemlösungsaufwand geben.

Dann warte ich mal auf deine Rückmeldung und grüße dich,
Daniel

Nur kam diese Rückmeldung nie. Defacto war dies das letzte Mal, dass ich von Bobby Wayne hörte.

Das wusste ich natürlich nicht. Dass sich Bobby seither nicht mehr gemeldet hatte, konnte an vielem liegen. Sagte ich mir. Ich wollte fair bleiben, auch wenn ich überkochte. Wie dumm wäre es gewesen, ihn zu vergraulen und später festzustellen, dass er einfach nur fürchterlich (fürchterlich) beschäftigt war?

Die Tatsache, dass Bobby auf Facebook plötzlich seinen Namen änderte, machte mich zwar skeptisch… aber nicht viel skeptischer als die Tatsache, dass er innerhalb Berlins umzog. Vielleicht brauchte er einen Tapetenwechsel. Und einen… äh… Buchstabenwechsel.

Aber dann, drei Tage nach Ablauf der Zahlfrist, bemerkte mein Freund Matthew etwas sehr seltsames:

„Hey Daniel, kann es sein, dass uns Bobby Wayne von seiner Freundesliste auf Facebook gelöscht hat?“

oO

Tatsächlich hatte mich Bobby gezielt entfernt, und zwei meiner Freunde. Das hatte mit Überbeschäftigung nichts mehr zu tun. Scheinbar bereitete es ihm Sorgen, dass ich jederzeit auf seine Pinnwand schreiben konnte.

Ich holte zu meiner ultimativen E-Mail aus (schreibt sie euch ab, wenn ihr selbst Leute wie Bobby kennt):

Hallo Bobby.

Du hast dich seit deiner letzten E-Mail vom xx.xx.2010, in der du mich deinem Tonfall nach zu urteilen mit jemandem verwechselt hast, nicht mehr gemeldet. Meine Sorge war also durchaus berechtigt.

Die gemeinsam von uns vereinbarte Frist zur Auszahlung eines zinslosen Darlehens zur Herstellung des Filmprojekts „xxx“ für deine Co-Producer Nennung ist am xx.xx. ausgelaufen, wie du sehr gut weißt. Eine Zahlung hat niemals stattgefunden. Damit bist du wort- und vertragsbrüchig geworden. Du hast schon eine Woche zuvor nicht mehr auf meine Skype Anrufe und -Nachrichten reagiert, ebenso wenig wie auf meine E-Mails. Auf Facebook hast du zuerst deinen Namen geändert und mich heute komplett und kommentarlos aus deiner Freundesliste gelöscht. Gleiches scheint für Skype zu gelten. Damit hast du meine Geduld und mein Verständnis über die Maßen strapaziert. Ich bin auf Berufung des Vertrags bereits finanzielle Verpflichtungen eingegangen, von denen ich nicht mehr zurücktreten kann.

Die von dir seit vielen Wochen versprochene Kamera, die RED Scarlet, hat bis heute nicht ihren Weg zu mir gefunden, obwohl sie angeblich schon versandfertig in Berlin lagert. Weder du, noch dein spezieller Freund Michael (für die Auslieferung verantwortlich) haben sich seither zum Stand geäußert. Natürlich kommt bei der RED Scarlet erschwerend hinzu, dass sie noch überhaupt nicht auf dem Markt ist und auch Beta-Modelle wie die, die von deinem Kontakt geordert wurden, noch gar nicht von RED versendet werden.

Sehr gerne möchte ich annehmen, dass es sich bei all diesen Sachen nur um ein grobes Missverständnis handelt. Ich habe mich schon auf unsere Zusammenarbeit gefreut und großes Potential erkannt. Daher gebe ich dir bis morgen Gelegenheit, die Fakten richtig zu stellen. Vielleicht existieren auch Hindernisse wie bspw. Zahlungsengpässe etc., die dich von der Vertragserfüllung abgehalten haben, die du aber nicht kommunizieren wolltest. Wenn du bis morgen ein umfassendes Statement zu den hier genannten Sachverhalten abgibst, freue ich mich darauf, die Situation ggbf. neuzubewerten. Ansonsten muss ich davon ausgehen, dass meine Vermutungen korrekt waren.

Ich muss dich höflich und eindringlich auffordern, deiner aus dem Vertrag resultierenden Zahlungspflicht nachzukommen. Dankeschön!

Meine Kontodaten lauten:

[…]

Ich räume dir hierzu Zeit bis zum xx.xx.2010 ein. Danach behalte ich mir weitere Schritte vor.

Gruß

Daniel P. Schenk
FALLENDREAM /media

Pretty cool, hm? Ich kann auch anders! Nicht, dass einer behauptet, es wären Missverständnisse aufgekommen.

Nur leider führte das auch zu keinem Resultat. Bobby entschied sich, zu schweigen. Und das war’s. Puff. Das Ultimatum verstrich.

Ja.

Und so stehe ich nun hier. Bobby Wayne ist seither aus meinem Leben entfleucht. Was aus seiner Flugzeugfirma bzw. dem 150-Millionen-Dollar-Kredit geworden ist, weiß ich natürlich nicht. Ich plage mich mit rechtlichen Schritten rum. Ich habe einen siebenteiligen Blogpost geschrieben. Ich weiß nicht, was an der Geschichte wahr ist und was von Bobby Wayne frei erfunden; ich weiß nicht, inwiefern mein Verhalten Schuld trug am Auskühlen unserer Beziehung oder Bobby Wayne einfach seinen Spieltrieb verlor.

Ich weiß nicht, welche Moral ich aus alledem ziehen soll.

ahrscheinlich: Was zu gut klingt, kann nicht wahr sein. Oder: Es war alles wahr und dein Glaube hat nicht ausgereicht. Oder: Glaube niemandem mit Klobrille um den Mund. Oder: Freunde von Uwe Boll sind scheiße.

Wahrscheinlich: Was zu gut klingt, kann nicht wahr sein. Oder: Es war alles wahr und dein Glaube hat nicht ausgereicht. Oder: Glaube niemandem mit Klobrille um den Mund. Oder: Freunde von Uwe Boll sind scheiße.

Am ehesten aber wohl, dass Menschen mit dem moralischen und intellektuellen Verständnis von Grundschülern auch außerhalb vom Pausenhof zu finden sind. Und dass jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt seines Lebens seinen persönlichen Pizzaface hat, mit dem er diesen Grundschülern auf den Leim gehen kann.

Gute Nacht.


P.S.: Wenn du eine Meinung zu dieser unglaublichen Story hast – ich würde mich freuen, sie in den Kommentaren dieses Posts zu lesen.